Martin Reakes-Williams führt in Leipzig eine internationale Gemeinde und gehört zum Leitungskreis von Evangelium21. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, mich mit ihm über seine Berufung in den geistlichen Dienst und die bevorstehende E21-Konferenz in Hamburg auszutauschen.
Nachfolgend das Interview:
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Wir brauchen Bibel und Verstand
Ein Interview mit dem anglikanischen Pfarrer Martin Reakes-Williams
Theoblog: Es gibt nicht viele anglikanische Geistliche in Deutschland. Kannst du erzählen, warum du in Leipzig gelandet bist?
Als erstes Studium hatte ich Germanistik und Russistik studiert, einschließlich ein Jahr Studium in Heidelberg. Es war während dieser Zeit, dass das Gefühl, in den Pastorendienst berufen zu sein, sich entwickelt und gefestigt hat. Darauf folgten das Auswahlverfahren der „Church of England“, ein Jahr Praktikum in einer Gemeinde, drei Jahre Theologiestudium an einem kirchlichen Seminar und drei Jahre Vikariat in einer Gemeinde am Rand von London.
Im Hinterkopf schwebte immer der Gedanke, dass der Herr vielleicht einen Grund hatte, aus dem er mich zum Lernen und Studieren der deutschen Sprache und Kultur geführt hatte. Dieses Gefühl reifte langsam zu einer Überzeugung, so dass ich nach dem Vikariat eine Stelle in Deutschland suchte. Damals dachte ich: Vielleicht einige Jahre in einer englischsprachigen Gemeinde bleiben und dann schauen, ob der Herr eine Tür zu einem deutschsprachigen Dienst öffnet. Die erste Tür hat er geöffnet, die zweite noch nicht. Eine Missionsgesellschaft der „Church of England“ bekam eine großzügige Spende, um eine englischsprachige Gemeinde hinter dem ehemaligen „eisernen Vorhang“ zu gründen. Nach einem Gespräch mit dem Bischof hat die Missionsgesellschaft mich ausgesandt um zu schauen, ob der Herr etwas in Leipzig vorhatte. „And the rest is history“, wie wir auf Englisch sagen.
Theoblog: Welcher Diözese ist deine Gemeinde unterstellt?
Sie heißt „die Diözese in Europa“ (nicht von Europa, wohl bemerkt; die „Church of England“ versteht sich als Gast auf dem europäischen Festland). Es gibt noch einen kleinen Flecken des Festlandes, der uns gehört: Gibraltar. Die dortige Kathedrale ist offizieller Sitz des Bischofs. Er heißt daher „Bischof von Gibraltar in Europa“, wohnt aber in der Nähe vom Flughafen London Gatwick.
Theoblog: Darf ich noch weiter zurückfragen? Warum hast du dich überhaupt für den Theologenberuf entschieden?
Ich bin während der Universitätszeit als Christ stark gewachsen. Ich war damals reich beschenkt: Ich hatte eine gute Gemeinde, einen Studentenkreis, wo jeden Samstag etwa zweihundert Studenten für eine Bibelauslegung von eingeladenen Predigern zusammenkamen, Jugendfreizeiten, wo ich die praktische Seite des geistlichen Dienstes erlernte, und vor allem viele gute christliche Freunde, die mich „geschliffen“ haben (vgl. Spr 27,17).
In dieser Zeit fing ich an, die Frage zu beantworten, die jeder Christ sich stellen sollte: Wie werden meine Gaben am Besten für das Reich Gottes eingesetzt?
Am Anfang des Berufungsprozesses war ich ziemlich überzeugt, dass ich eine Katastrophe als Pastor wäre. Ich glaubte, dass ich in einem „weltlichen Beruf“ besser aufgehoben wäre. Damals war das mein Wunsch! Freunde und Mentoren hatten jedoch eine andere Meinung. Langsam keimte und wuchs der Same, bis ich zum Ende des Studiums nichts anderes mehr machen wollte. Das Auslandsjahr in Heidelberg war ein wichtiger Bestandteil dieses Prozesses, nicht nur weil ich Zeit zum Reflektieren hatte, sondern auch, weil mein Glaube ohne die obengenannten Stützen geprüft und geläutert wurde.
Theoblog: Hast du dir im Studium besondere Schwerpunkte gesetzt?
Bei uns in England erleben wir jetzt zunehmend, was hier in den Landeskirchen längst der Fall war und nun auch in einigen freikirchlichen Ausbildungsstätten eintritt: das Verlangen nach staatlicher Anerkennung und Wertschätzung. Leider hat diese Entwicklung dazu geführt, dass viele Sachen zum Studium gehören, die ein Pastor in seinem späteren Dienst nicht gebrauchen kann. Hinzu kam, dass das College, das ich besuchte, zwar von Evangelikalen gegründet worden war, aber theologisch später andere Wege ging.
Deswegen war vieles, was ich lernen musste, für den Dienst in der Gemeinde nutzlos. Es gab glücklicherweise einige Wahlmöglichkeiten. So habe ich Fächer ausgesucht, die mit der Bibel zu tun hatten. Kirchengeschichte war auch hilfreich. Aber da gibt es bekanntlich nichts „Neues unter der Sonne“. Die meisten Abweichungen von der biblischen Lehre gab es schon Mal irgendwann.
Bei uns war nur Griechisch Pflichtfach, aber da ich dies schon in der Schule gelernt hatte, durfte ich stattdessen Hebräisch lernen. Ich wünschte mir, dass ich mehr Zeit dafür investiert hätte, aber es war mir auch wichtig, Teilhaber des praktischen Lebens zu bleiben. Das Leben im Elfenbeinturm war nichts für mich. Wichtiger war mir die Mitarbeit in der Studentenmission (in Deutschland „SMD“).
Theoblog: Was schätzt du an der Gemeindearbeit in Deutschland? Was fordert dich besonders heraus?
Meine direkte Erfahrung von Gemeindearbeit in Deutschland ist natürlich etwas begrenzt, da unsere Gemeinde englischsprachig und international ist und deswegen nicht typisch. Es ist gleichzeitig eine Bereicherung und eine Herausforderung, in einer Gemeinde zu dienen, wo Menschen aus allen Ländern und Konfessionen zusammenkommen. Keiner fühlt sich voll zu Hause, jeder muss die Bereitschaft mitbringen, aus der eigenen Bequemlichkeit herauszutreten und auf Menschen, die anders sind, zuzugehen. So werden wir durch die Umstände gezwungen, das zu tun, was eigentlich zum Christsein gehört.
Theoblog: Was macht einen guten Pastor aus?
Er hat ein starkes Vertrauen zu Gott, also betet er viel. Er glaubt, dass Gott durch die Mittel wirkt, die er uns zugesagt hat, also verbringt er viel Zeit mit dem Wort Gottes. Das reicht aber nicht aus, denn dieses Wort Gottes muss im Leben der Menschen ankommen. Folglich bemüht er sich die Welt zu verstehen und dadurch das Wort so zu lehren, dass es bei den Menschen von heute gut „landet“.
Ein Pastor konzentriert sich auf das „Kerngeschäft“. Er lässt sich nicht von Nebensachen ablenken, die kurzfristig Erfolg versprechen (und dabei vielleicht auch sein „Ego“ streicheln), langfristig jedoch keine reife Christen hervorbringt.
Er hat zudem eine gute Selbstwahrnehmung und ist fähig, sich in andere hineinzuversetzen. Vor allem ist er nicht jemand, der Wasser predigt und selbst Wein trinkt. Er ist transparent und integer, damit alle sehen, dass er selbst lebt, was er anderen predigt (vgl. 1Tim 4,15).
Theoblog: Bestimmt kennst du die Rede vom „Blinden Fleck“. Wir in Deutschland nehmen möglicherweise bestimmte Dinge nicht mehr wahr, verdrängen vielleicht auch unangenehme Themen.
Eine direkte Frage verdient eine direkte Antwort. Nur kurz im Voraus: Ich sehe viel Gutes hier und viele Schwachpunkte in meinem eigenen Land und in meiner Tradition.
Ich bewundere die Pietisten, die unter dem enormen Druck der modernen Theologie christus- und bibeltreu geblieben sind. Die Gefahr in solchen Situationen ist allerdings, dass wir die Vordertür zur falschen Lehre dichtmachen, aber nicht merken, was inzwischen durch die Hintertür einschleicht. Zum Beispiel glauben viele noch an die Autorität der Heiligen Schrift, wenige aber an derer Vollmacht und Kraft. So bleibt „das Schwert des Geistes“ allzu oft unbenutzt in seiner Schwertscheide.
Ein gewisser Hang zu einem menschenzentrierten Verständnis vom Evangelium scheint inzwischen auch manche Freikirchen erreicht zu haben. Jeder Arzt weiß es: Eine falsche Diagnose führt zu einer falschen Behandlung. Ähnlich ist es mit unserem Verständnis von Sünde und Kreuz. Die Sünde wird allzu oft als fehlerhaftes Verhalten verstanden oder als Versagen, mein volles Potential auszureizen. Tatsächlich ist Sünde aber Rebellion gegen Gott. Folglich verschreibt man die falsche Medizin: Therapie anstelle von Vergebung; Streicheleinheiten statt Sühnetod. Unser Herr Jesus wird oft mehr als ein „Kuschel-Jesus“ betrachtet, der nur da ist, um das zu tun, was unseren Selbstwert erhöht. Die Gnade ist selbstverständlich und billig geworden.
Zu viele Predigten sind fromme Gedanken, die an einem Vers aufgehangen werden. Es geht zu oft nicht darum, den ursprünglichen Sinn des biblischen Textes zu erfassen, um ihn dann für die Gemeinde zu aktivieren. Oft fehlt zudem eine fundierte biblische Theologie, die dafür sorgt, dass wir „das Wort der Wahrheit recht teilen“ (2Tim 2,15). Die langfristige Frucht davon sind Christen, die nicht biblisch denken und deren Weltanschauung nicht von der Schrift her geformt ist. So werden sie leicht „umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“.
Noch etwas: Deutsche Tugenden wie Gründlichkeit und das „Durchplanen“ (beides schätze ich sehr!) haben eine Kehrseite: Überhöhte Angst vor angemessenem Pragmatismus sowie einen Hang zur Sicherheit anstelle von Risikofreude.
Theoblog: Du gehörst zu den Initiatoren von Evangelium21. Warum arbeitest du in diesem Netzwerk mit?
Evangelium21 steht für viele Inhalte, die mir wichtig sind. Vieles habe ich gerade genannt. Ich bin bei Evangelium21 auf Brüder aus sehr unterschiedlichen Hintergründen gestoßen, die dieselben Sorgen und dieselbe Vision teilen. Gott hat uns von Anfang an eine tiefe Einheit und Verbundenheit geschenkt. Ich bin überzeugt, er hat Wichtiges mit und für uns vor. Gott baut sein Reich nach dem Prinzip des Hefeteigs oder des Senfkorns. Seine Kraft ist in den Schwächen mächtig!
Theoblog: Was erwartest du von der Konferenz mit D. A. Carson und John Piper im Mai 2012?
Um es überspitzt auszudrücken: Viele glauben, dass man entweder ein Evangelikaler ist, der das Gehirn ausschaltet oder ein Liberaler, der die Bibel „ausschaltet“. Ich möchte Gehirn und Bibel „einschalten“. Mein Gehirn sagt mir, dass, wenn Gott gesprochen hat, dann wird er dies in einer klaren Art und Weise getan haben. Deshalb ist es empfehlenswert, mein Denken dem Wort Gottes unterzuordnen. In unserer Welt zu diesem Standpunkt zu gelangen, ist für viele ein schwieriger und steiniger Weg. D. A. Carson und John Piper sind hervorragende Beispiele für Menschen, die diesen Weg gegangen sind und uns helfen, der Bibel und unserem von Gott geschenkten Verstand treu zu sein.
Vielen Dank für das Gespräch!
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Hier das Interview als PDF-Datei: Interview_MR-W.pdf.


Ron, vielen Dank für das interessante und erfrischende Interview! Ich freue mich
auf meine erste E21-Konferenz. Und daß es solche Gemeinden im Osten gibt, freut mich auch sehr.
Danke für das Interview und die Arbeit, die ihr da investiert habt. Es ist ermutigend und macht einen froh.
Super Interview – vielen Dank! Das macht noch mehr Vorfreude auf die Konferenz.
)
(Dear Anglican Church, please send more such people to Germany
Viele sehr gute Punkte in dem Interview. Die Kombination von Verstand und Heiliger Schrift ist in der Tat sehr notwendig, und auch die Einsicht, dass in unserer heutigen Welt der Weg zu einer solchen Sichtweise (wenn man sie begruendet vertreten koennen will) sehr steinig ist, ist sehr treffend.
Wenn man sich diese Sichtweise erareitet hat, heisst das, dass man sich naemlich durch einen ganzen Wust an liberaler Literatur und durch viele (von Liberalen) geaeusserte Zweifel an der Heiligen Schrift durcharbeiten musste, und trotzdem an der Ehrfurcht vor dem Wort Gottes festhaelt. UND dass man die ganze heutige Evangelikale Literatur durcharbeitet, OHNE dabei (im falschen Sinne) zu eng zu werden oder antiintellektuell zu werden.
Auch dieser Punkt ist sehr wichtig:
Hier wuerde mich noch interessieren, wie der Autor konkret meint, dass man das Schwert des Geistes besser benutzen kann.
Und noch ein guter Punkt:
Deutsche Tugenden wie Gründlichkeit und das „Durchplanen“ (beides schätze ich sehr!) haben eine Kehrseite: Überhöhte Angst vor angemessenem Pragmatismus sowie einen Hang zur Sicherheit anstelle von Risikofreude.
Gute Gedanken, vielen Dank für die Arbeit!
Ein Gedanke hierzu:
Zum Beispiel glauben viele noch an die Autorität der Heiligen Schrift, wenige aber an derer Vollmacht und Kraft. So bleibt „das Schwert des Geistes“ allzu oft unbenutzt in seiner Schwertscheide.
Mir fällt bei Predigten oft auf, dass sie zu wenig Aktion sind, viel zu sehr Erklärung. Es wird nicht mehr gepredigt: “Glaube!” sondern mehr “Es steht, wir sollen glauben.” Im Gebrauch der Schrift liegt die Kraft. Ob der Autor das damit meint, weiß ich nicht, aber ich muss daran denken.
@Rami,
nun ja, wir Deutschen habe nun mal eine gewisse Art – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Ich denke, das unmittelbare Ziel ist es aber nicht, dass wir unsere deutsche Kultur oder Art ändern – sondern dass wir solche Fehler ausmerzen, die an einer falschen Theologie liegen.
Ein falsches Verständnis von “Glaube vs Vernunft” lässt sich sehr gut ausmerzen, indem man einfach sein Denken verändert. Da muss man noch gar nicht da ran und seine gute geliebte deutsche Art ändern…
)
Ich glaube sogar, dass die deutsche Kultur und Denkweise grossartige Vorteile bietet. Es ist aber so, dass der Teufel durch eine Verführung zu falschem Denken die beste Kultur zur Inaktivität bringen kann. Gott möchte die Vorteile und (positiven) Eigenheiten jeder Kultur voll zur Geltung bringen; ein erster Schritt dazu ist die Befreiung von falschem Denken bzw die Erneuerung des Denkens. Dazu gehört das Kennenlernen von Gott und eine Befreiung von eigengebauten babylonischen Gefängnissen, etwa die falsche Trennung von weltlich und geistlich oder ein mangelndes Verständnis des Reiches Gottes. Es gibt viele theologische Konzepte, mit denen man sich selber des vollen Potentials der Heiligen Schrift bzw. des Volkes Gottes berauben kann.
@Roderich
“die falsche Trennung von weltlich und geistlich” –
Meintest Du: die falsche Unterscheidung zwischen ›weltlich‹ und ›geistlich‹? oder prangerst Du hier die Trennung zwischen weltlich und geistlich an?
Das interessiert mich. Hättest Du zu dieser Thematik irgend einen Link?
lgs
@Schandor,
als Link: siehe die Bibel
Natürlich wird “weltlich” und “geistlich” in der Bibel getrennt.
Aber es gibt eine richtige und eine falsche Trennung. Bei der falschen Version sieht man nur bestimmte Lebensbereiche als “geistlich”, z.B. “Kirche und Krankenhaus und Familie”, aber andere Bereiche (Politik, Wirtschaft, Recht) sind ungeistlich etc.
In der aus meiner Sicht richtigen Sicht glaubt man, dass das Reich Gottes sich auf alle Lebensbereiche bezieht. Das Reich der Finsternis aber auch. Ziel des Christen ist es, Gottes Herrschaft in alle Lebensbereiche zu bringen.
Das ist ja keine besondere neue Einsicht – für Dich jedenfalls nicht, nehme ich an.
)
@Roderich
Du meinst nicht Trennung, sondern Unterscheidung. Wenn Du die beiden Begriffe austauschst, ja, dann stimme ich aus ganzem Herzen (=Denken) zu!
gbs
Hallo Schandor,
ja, “Unterscheidung” ist das, was ich meine. (Ich hatte aber gedacht, Trennung meint in diesem Zusammenhang das selbe – aber gut, da lasse ich mich gerne belehren).
Anscheinend hat man in Österreich guten Grammatikunterricht…
(Man darf sich zwar von seiner Ehefrau nicht trennen, aber man darf sich von ihr unterscheiden
)