Syst. Theologie

Möglichkeiten und Grenzen religiöser Projektion

Ludwig Feuerbachs große Projektionsthese lautet: Gott ist keine von Menschen unabhängige Wirklichkeit, sondern die Projektion des idealisierten menschlichen Wesens. Alles, was Menschen Gott zuschreiben – wie etwa Liebe, Vernunft, Allmacht, Vollkommenheit oder Unsterblichkeit –, sind laut Feuerbach menschliche Wünsche, Fähigkeiten und Gattungsideale, die nach außen verlegt und als eigenständiges göttliches Wesen verehrt werden. Daher (Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig, 1851, Zwanzigste Vorlesung, S. 241):

Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christentums zeigte, Gott nach seinem Bilde.

Der niederländische Philosoph Jacob Klapwijk liegt meines Erachtens richtig, wenn er zeigt, dass Feuerbach nicht völlig falsch liegt. Menschliche Religion neigt in der Tat dazu, sich einen Gott nach eigenem Bilde zu schaffen, weshalb ja auch Johannes Calvin davon sprach, dass der menschliche Geist einer „Götzenfabrik“ gleicht (Institutio I,11,8).

Aber hören wir auf Jacob Klapwijk (Philosophische Kritik und göttliche Offenbarung, 1990, S.26–29):

Wie ist Feuerbachs einflußreiche Religionskritik zu bewerten? Wo stehen wir selbst? Aus dem Blickwinkel der Heiligen Schrift und der christlichen Überlieferung kann und muß Feuerbachs Lehre aus systematisch-theologischen Gründen zurückgewiesen werden. Doch eine theologische Kritik allein reicht nicht aus. Eine wissenschaftliche Beurteilung muß auch die Argumente würdigen und daher Feuerbachs religionsphilosophische Thesen einer philosophischen Kritik unterziehen.

Kritik an Feuerbach bedeutet zugleich auch Selbstkritik. Ein schuldbekennendes Wort ist hier am Platze, denn Kirche und Religion präsentieren sich in der Tat weitgehend als Bedürfnisreligion. Der damalige Pietismus und eine damit konform gehende Erlebnistheologie in der Nachfolge Hegels und Schleiermachers deuteten Religion als subjektives Bedürfnis, als subjektiven Gefühlsdrang zum Unendlichen. Wird der Kern der Religion als frommes, schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl bestimmt (Schleiermacher), ist der Weg frei für die Schlußfolgerung: Gott ist Veräußerlichung, Projektion dieses frommen, subjektiven Gefühls.


Die Frage an uns lautet: Unterscheidet sich unser Christsein wesentlich von dem des 19. Jahrhunderts? Ist unser Glaube mehr als ein Bündel rationalisierter, subjektiver Gefühle? Verstehen wir unter Beten etwas anderes als das Auflisten privater Wünsche? Haben wir möglicherweise selbst der verbreiteten Meinung Vorschub geleistet, hinter dem frommen Getue gehe es letztlich nur um Eigennutz und Wohlergehen des christlichen Menschen. Oder anders: Wer ist Gott für uns? Erfüllungsgehilfe und Garantieschein – oder wesentlich mehr und wesentlich anders als das?
Feuerbach hatte nicht ganz unrecht, das damalige europäische Christentum als Bedürfnisreligion zu brandmarken: In Bedürfnisreligion steckte und steckt tatsächlich ein Stück Projektion. Und noch in einem zweiten Punkt ist Feuerbach stattzugeben, nämlich in seiner Verwerfung einer Verdopplung der Welt in eine natürliche und eine übernatürliche. Diese Doppelwelt-Lehre (Supranaturalismus) war eine Konstruktion der mittelalterlichen Scholastik, im Grunde mehr platonisch-neuplatonisch als christlich. Prägt die Vorstellung einer Weltverdoppelung das allgemeine Bewußtsein, dann eignet sich die obere Welt zweifellos als Projektionsraum für alle unerfüllten Sehnsüchte hier unten. In dieser Hinsicht ist Feuerbachs Kritik nicht abwegig.

An dieser Stelle ist wiederum eine theologische Selbstprüfung angebracht. In welchem Maß ist auch unser Denken von diesem scholastischen Dualismus gefärbt? Vermögen wir noch die Einheit des göttlichen Schöpfungshandelns wahrzunehmen? Erkennen wir noch, daß die ganze Welt auf Gott bezogen ist? Verstehen wir, daß Himmel und Erde gemeinsam der Vollmacht Jesu unterstehen? Ist die Welt als Schöpfung, als Kreatur nicht natürlich und übernatürlich in einem? Bereits die Rede von der Schöpfung als “Natur“ löst jene aus ihrem Gottesbezug. Die nachträgliche Addition eines sogenannten “übernatürlichen Seins“ ist im Grunde nur Flickwerk. Eines steht fest: Das Reich Gottes schwebt nicht über dieser Welt, sondern bricht sich in dieser Welt Bahn. In diesem Reich wird die Schöpfung nicht vernichtet, sondern vollendet.

Feuerbach fordert uns nicht nur zur Selbstprüfung auf, er konfrontiert uns auch mit einem prinzipiellen Problem, und dies zwingt zu einer christlich-philosophischen Kritik. Wenn wir mit Feuerbach davon ausgehen, daß Religion zu einem großen Teil in einer Projektion besteht, dann lautet die Frage: Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit religiöser Projektion?
Ich sehe es folgendermaßen: Wenn nach Gen 1 der Mensch im Bilde Gottes geschaffen wurde, dann besagt dies: Der Mensch ist auf dieser Welt, um Gottes Liebe und Herrlichkeit in seinem eigenen Leben widerzuspiegeln. Dies ist sein Wesen und seine Bestimmung, seine Begrenztheit und seine Größe: Ein Bild, ein Abbild Gottes zu sein und sein zu müssen. Dies ist sein anthropologischer Status, zu dem der Mensch berufen ist und dazu bestimmt, anderen vorzuleben, wer Gott ist. Als Bildträger ist der Mensch in einem sehr besonderen Sinn Gott-bezogen.

Als Folge des Sündenfalls ist dieses Bild aber verzerrt, als habe sich gleichsam ein Vorhang zwischen das göttliche Urbild und das menschliche Abbild geschoben. Dennoch bleibt der Mensch Geschöpf Gottes und als solches unausweichlich auf seinen Schöpfer gerichtet, also abhängig. Die Sünde jedoch pervertiert das Gottesverhältnis in eine andere, selbstproduzierte Abhängigkeit – dies lesen wir im 1. Kapitel des Römerbriefes. Der Gott-lose Mensch setzt in seiner Torheit das Bild eines vergänglichen Menschen oder anderen Geschöpfes an die Stelle Gottes. Was soll das besagen?

Der unabstreifbaren Ausrichtung auf Gott bei gleichzeitiger Verdunkelung des Bildes Gottes im Menschen ist nur so zu begegnen, daß sich der Mensch selbst, bewußt oder unbewußt, ein Ideal-Bild schafft, auf welches hin er sich orientiert. Die Gott-Beziehung wird zur Abgott-Beziehung. Ist dem Geschöpf die Abbildung seines Schöpfers versagt, übernimmt die Einbildung diese Funktion, denn unentrinnbar bleibt der Mensch gottbezogenes, bildtragendes Geschöpf. In dieser Situation kommt es zur Veräußerlichung und Projektion – nicht nur in der Form des Götzenkultes, sondern in allen Formen selbstgemachten Gottesdienstes, auch innerhalb des Christentums. Feuerbach hat dies gesehen. Leider sah er im Christentum nichts anderes als Projektion. Was Feuerbach allerdings nicht recht erklären konnte, nämlich warum solch eine Veräußerlichung sich im Menschen ereignet, wird verständlich, sobald die biblische Botschaft ernstgenommen und der anthropologische Status des Menschen entdeckt wird. 

Die Frage ist nicht nur, wie Projektion beginnt, sondern auch: Wie hört Projektion auf? Die Bibel sagt verschiedentlich, das wahre Bild Gottes habe sich in Jesus Christus manifestiert. Er ist nach Hebr 1 der Abglanz des Wesens Gottes. Daher liegt in der Begegnung mit ihm der kritische Maßstab. Erst in der konkreten, persönlichen Übereignung des Lebens an Christus hört die Motorik der Projektion auf. Dann wird der verdekkende Schleier der Sünde entfernt und werden wir selbst wieder zu Bildträgern Gottes. Die Bildmacher werden zu Bildträgern! Dann erfüllt sich 2. Kor 3, 18: „Wir alle aber spiegeln mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden umgewandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich von des Herrn Geistes.“ Weil Feuerbach die Ursache der Projektion philosophisch verkannt hat, verfehlte er auch die Möglichkeit ihrer Beendigung. Nicht der Geist der Aufklärung, sondern der Geist des Herrn macht allen religiösen Projektionen ein Ende.
 

Was ist klassische Theologie?

Kevin DeYoung und Carl Trueman unterhalten sich in diesem Video sehr informativ über die klassische Theologie, unter anderem über die Sprache, die wir in der Gotteslehre oder Christologie gebrauchen. Und natürlich ist auch Thomas von Aquin ein Thema.

Die Kirche im Zeitalter der Therapie

Matthew Loftus schreibt in „Die Kirche im Zeitalter der Therapie“: 

Im Jahr 1966 schrieb Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic : „Der religiöse Mensch wurde geboren, um gerettet zu werden; der psychologische Mensch wurde geboren, um zufrieden zu sein.“ Irgendwann haben wir eine Schwelle überschritten, und die allgemeinen Werte der westlichen Kultur richteten sich mehr auf Selbstverwirklichung und Freiheit von Zwängen aus als auf die Erlösung von unseren Sünden und die Gemeinschaft mit Gott. Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem die Sprache der Therapie jede Ebene des Diskurses durchdringt.
Wie sind wir hierhergekommen? Manche geben Sigmund Freud und anderen frühen Psychologen die Schuld dafür, dass sie ein überzeugendes intellektuelles Argument dafür geliefert haben, alles zu tun, was wir wollen – mit der Begründung, dass die Verdrängung unserer Wünsche schädlich sei und wir uns selbst treu bleiben müssten. Dieser Darstellung zufolge sind Christen (vor allem liberale) auf diesen Köder hereingefallen und haben christliche Lehren gegen psychologische Modeerscheinungen eingetauscht, sodass nur noch ein Rest gläubiger Menschen übrig geblieben ist, die ihr Bestes getan haben, um sich gegen eine steigende Flut von Psychogeschwätz zu behaupten.

Das ist sicherlich ein Teil der Geschichte, und es gibt kein Happy End für eine Kirche, die die Wahrheiten aufgibt, die wir seit zwei Jahrtausenden schätzen, in der Hoffnung, tiefere Wahrheiten zu entdecken, die sich bequem mit dem modernen Zeitgeist decken. Doch diese Darstellung vernachlässigt die Tatsache, dass wir in der Welt leben, die Freud mitgeschaffen hat, und es ist unmöglich, sinnvoll über die menschliche Psychologie zu sprechen, ohne auf seine Erkenntnisse zurückzugreifen. Wir halten viele Ideen, die uns durch moderne psychologische Theorie und Forschung vermittelt wurden, für selbstverständlich; jede Kritik an der Therapiekultur muss diese Realität ernst nehmen.

Darüber hinaus lässt sich die Verflechtung des Christentums mit der Therapiekultur nicht von der christlichen Begeisterung für Heilung und dem Beharren der Kirche auf ganzheitlicher Fürsorge für leidende Menschen trennen. Jesus selbst fordert seine Jünger auf, die Kranken zu heilen (therapeuete), und frühchristliche Schriftsteller (darunter Augustinus) nutzten weltliche Heilmethoden als Analogien für das kraftvolle Wirken Gottes in der Seele eines Gläubigen. Vorwissenschaftliche Christen scheinen größtenteils die Theorien akzeptiert zu haben, die damals die psychische Gesundheit bestimmten, darunter auch Dinge wie die vier Körpersäfte. Christen haben sich schon immer dafür interessiert, was es für uns bedeutet, in Herz, Seele, Verstand und Kraft zu gedeihen – man frage nur Thomas von Aquin.

Die moderne Psychologie hat dieses Streben nach Entfaltung einfach aufgegriffen und eingegrenzt, in der Annahme, dass unsere Gedanken, Emotionen und Wünsche uns alles sagen könnten, was wir über ein gutes Leben wissen müssten. Die Erkenntnisse Freuds (und vieler anderer) enthüllten Wahrheiten über unser Innenleben, die zwar nicht so unumstößlich wie die Thermodynamik oder so praktisch nützlich wie die Keimtheorie waren, aber mit ausreichender Stringenz gewonnen wurden, sodass sich die Psychologie als eine Wissenschaft neben anderen betrachten konnte. Die Psychologie erzählte fesselnde Geschichten, wie zum Beispiel die Vorstellung, dass moralische Verpflichtungen im besten Fall nützliche soziale Werkzeuge und im schlimmsten Fall Hindernisse dafür sind, der Mensch zu werden, der wir sein sollen. Wir erzählten diese Geschichten immer wieder, bis sie zu den zentralen Mythen unserer Kultur wurden.

Carl Trueman beschreibt die Folgen dieser kulturellen Mythen in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad):„Zufriedenheit und Sinn – Authentizität – werden heute durch eine Hinwendung nach innen gefunden, und die Kultur wird zu diesem Zweck neu gestaltet. Tatsächlich muss sie nun dem Zweck dienen, meine psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen; ich darf meine psychologischen Bedürfnisse nicht an die Natur der Gesellschaft anpassen, denn das würde Angst auslösen und mich unecht machen.“

Leihmutterschaftsdrama

Wie dramatisch sich Leihmutterschaften entwickeln können, zeigt sich an dem Rechtsstreit, den die Leihmutter McKenna West (leider bisher vergeblich) gegen ein Bestellpaar aus Kalifornien führt. DIE TAGESPOST berichtet: 

Zum Hintergrund: Die Bestelleltern Nausheen Gilkar und Omar Ahmed, ein Paar aus Los Angeles, schlossen im August 2025 mit McKenna West, einer Krankenschwester aus Alaska, einen Leihmutterschaftsvertrag. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder sollte für das Paar, das bereits acht erfolglose Versuche einer künstlichen Befruchtung hinter sich hatte, ein Kind austragen. Für ihre Dienste als Leihmutter sicherte das Paar McKenna West vertraglich ein Honorar in Höhe von 60.000 US-Dollar zu.

Nachdem Ärzte in der 20. Schwangerschaftswoche bei dem Kind ein hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS) diagnostizierten, forderten die Bestelleltern die Leihmutter auf, das Kind abzutreiben. Dabei beriefen sie sich auf den mit ihr geschlossenen Vertrag. Der soll eine Klausel beinhalten, die es den Bestelleltern erlaubt, eine Abtreibung des Kindes zu verlangen, wenn Ärzte bei diesem Anomalien feststellen.

West weigerte sich jedoch, das Kind abzutreiben, und floh mit diesem nach Texas. Der Grund: In dem im Süden der USA gelegenen Bundesstaat sind Abtreibungen grundsätzlich verboten. Laut Chapter 170 A des texanischen „Health and Safety Code“ darf auf dem Territorium des Bundesstaates niemand „wissentlich eine Abtreibung vornehmen, veranlassen oder einleiten.“ Außerdem gilt laut dem „Texas Family Code“ grundsätzlich die Frau als Mutter, die das Kind zur Welt bringt, auch als rechtliche Mutter. Mit einer Ausnahme: Liegt eine gerichtlich bestätigte Gestationsvereinbarung vor, können die Bestelleltern rechtlich als Eltern anerkannt werden, obwohl die Leihmutter das Kind geboren hat.

Die Bestelleltern verklagen daraufhin McKenna West wegen Vertragsbruchs auf Schadenersatz in Höhe von 100.000 US-Dollar sowie Anwaltskosten. 

Mehr: www.die-tagespost.de.

Charles Murray: Taking Religion Seriously

Der US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist Charles Murray ist Hayek-Emeritus-Stipendiat am American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, und wurde vor allem für seine Bücher Losing Ground (1984), The Bell Curve (zusammen mit Richard Herrnstein; 1994) und Coming Apart (2012) bekannt. Neuerdings bekennt er sich zum christlichen Glauben an Gott (siehe sein Zeugnis hier) und hat seine Überzeugungen in dem Buch Taking Religion Seriously (2025, #ad) niedergeschrieben. James N. Anderson hat das Buch gelesen und dabei einige Schwächen entdeckt, beispielsweise in der Christologie. Abgesehen von diesen Mängeln lassen sich seiner Meinung aus dem Buch zumindest fünf nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zitat: 

(1) Westliche säkulare Intellektuelle lehnen das Christentum in der Regel nicht ab, weil sie die Beweise verantwortungsbewusst geprüft hätten und dennoch nicht überzeugt seien, sondern weil sie durch die vorherrschende Meinung vorgeprägt sind, dass es keine seriösen intellektuellen Grundlagen für christliche Überzeugungen gibt. Um einen Satz von G.K. Chesterton abzuwandeln: Das Christentum wurde nicht untersucht und für mangelhaft befunden; es wurde als unliebsam empfunden und daher nicht untersucht.

(2) Im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Intellektueller und sozialer Gruppendruck spielt eine wesentliche Rolle dabei, zu erklären, warum säkulare Wissenschaftler Religion nicht ernster nehmen. Wie Murray offen zugibt, war ein Grund für seine große Abneigung gegenüber den Beweisen, dass er zum „Stamm der Klugen“ gehörte und nicht wollte, „als leichtgläubig und töricht zu gelten und aus dem Stamm verstoßen zu werden“ (S. 147).

(3) Die Beweise für die Wahrheit des Christentums liegen in Hülle und Fülle vor für diejenigen, die Augen haben, sie zu sehen – das heißt für diejenigen, deren Blick nicht durch naturalistische Vorannahmen und intellektuellen Snobismus verengt ist.

(4) Auch wenn philosophische und historische Argumente vielleicht nicht der übliche Weg sind, auf dem Menschen zum christlichen Glauben finden, sind sie dennoch wichtig, insbesondere wenn die Bekehrten ein Publikum aus intellektuellen Gleichgesinnten haben. Lewis liefert ein solches Beispiel; Murray nun ein weiteres. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der Weg sowohl philosophische Reflexion als auch eine Reihe göttlicher Fügungen umfasste.

(5) Christliche Wissenschaft ist wichtig! Betrachten wir eine Auswahl der Wissenschaftler, deren Arbeit Murray dafür verantwortlich macht, dass er im Laufe der Zeit seine Meinung geändert hat: Stephen Meyer, Larry Hurtado, Paul Barnett, Richard Bauckham, Brand Pitre, Craig Blomberg, Michael Bird, Peter J. Williams, N. T. Wright, Gary Habermas und – nota bene – der emeritierte RTS-Professor Charles E. Hill. (Es sei angemerkt, dass Murray auch die Werke skeptischer Wissenschaftler wie Brian Greene, Sean Carroll, John Dominic Crossan und Bart Ehrman herangezogen hat – was die Bedeutung fundierter Wissenschaft zur Verteidigung des orthodoxen Christentums noch weiter unterstreicht.)

Die übergeordnete These von Taking Religion Seriously ist relativ bescheiden: Jeder, der sich Fragen der Religion mit offenem Geist und dem Engagement eines Wissenschaftlers nähert, den Beweisen zu folgen, wohin sie auch führen mögen, wird entdecken, dass es ernstzunehmende Argumente gegen den materialistischen Atheismus und zugunsten des christlichen Theismus gibt. Ob ein Ungläubiger solche Themen – abgesehen von einem Wirken göttlicher Gnade – wirklich unvoreingenommen angehen kann, ist eine Frage, die in dem Buch nicht aufgeworfen wird. Dennoch ist Murrays persönliches Zeugnis ein Grund zur Freude: „Gottes Gnade ist für mich Wirklichkeit geworden“ (S. 153). Man kann fast hören, wie sich die Engel im Himmel freuen.

Mehr: journal.rts.edu.

Warum Christen ihre Social-Media-Konten löschen sollten

Brad East ist der Meinung, dass die sozialen Medien mehr schaden als nutzen, und plädiert für die Schließung der Konten. Hier sein Appell:

Eine Zeit lang habe ich … meine „moderate“ Nutzung sozialer Medien verteidigt. Aber ich konnte mich nicht länger selbst belügen. Ich hasste das Gefühl, das es in mir auslöste. Ich hasste, was es mit mir machte. Ich hasste den Voyeurismus, den Zwang, das Verlangen des Süchtigen nach immer noch ein bisschen mehr. Schließlich stehe ich gerade in der Abholschlange vor der Schule oder warte in der Arztpraxis. Was machen da schon zehn Minuten mehr aus?

Vor etwa fünf Jahren habe ich dann endlich das Handtuch geworfen. Ich habe meine Konten nicht nur deaktiviert – ich habe sie gelöscht. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Und seitdem bin ich so etwas wie ein Verfechter eines Lebens jenseits der sozialen Medien geworden.

…

Lieber Christ, ich möchte, dass du nach den höchsten Zielen strebst, nicht nach den niedrigsten. „Alles ist erlaubt“, so Paulus, „aber nicht alles ist nützlich“ (1Kor 10,23). Soziale Medien mögen technisch gesehen zulässig sein – die Bibel verbietet sie nie namentlich –, doch sie helfen weder, noch bauen sie auf. Sie formen die Seele nicht in der Tugend; sie bringen keine Früchte des Geistes hervor. Aus christlicher Sicht liegt die Beweislast daher bei demjenigen, der soziale Medien nutzen möchte – Warum ist es gut oder gar notwendig für mich, sie zu nutzen? – und nicht bei demjenigen, der darauf verzichtet.

Also schneide es ab. Ein Leben ohne soziale Medien ist besser. So einfach ist das. Im Moment mag es sich vielleicht nicht so anfühlen. Eine Zeit lang wirst du vielleicht noch das Phantomglied spüren. Aber mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen und dankbar sein für dessen Abwesenheit und den Raum, den diese Abwesenheit für bessere Dinge schafft.

Ich sehe das nicht so radikal, kann aber einige Gründe und die Entscheidung gut nachvollziehen und denke, dass es für einige Leute der richtige Schritt wäre. Die Vorstellung jedoch, dass Christen auf den sozialen Medien gar nicht mehr präsent sind, ist auch nicht so prickelnd. 

Wie seht ihr das?

Mehr: www.christianitytoday.com.

Der lange Schatten von Paul Tillich

Im Dezember 2010 habe ich hier im TheoBlog kurz auf die Radiosendung „Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich im Wechselspiel ihrer Beziehungen“ hingewiesen (der Audiobeitrag ist inzwischen beim BR nicht mehr zu finden). Berichtet wurde darin über Karl Barths Verhältnis mit Charlotte von Kirschbaum (vgl. hier), und Paul Tillichs Leben „on the boundary-line“. Zu hören war im O-Ton etwa Max Horkheimer, der über Tillich verniedlichend die Auskunft gab:

Wenn sie mit ihm ausgingen und man stand vor einem schönen Lokal, auch sogar vor einem Nachtlokal, so konnte er durchaus sagen, wollen wir nicht da hineingehen. Und er hätte sich gut unterhalten. Aber, in einer Weise, die das, was Treue heißt, nicht berührte. Er war fähig, Menschen die Treue zu halten. Ohne dass er gegen andere Menschen verschlossen wurde.

Hanna Tillich wurde mit den Worten zitiert (Hannah Tillich: Ich allein bin, S. 184):

Als ich Paulus’ Vorliebe für Pornographie entdeckte, war ich schockiert und verstört. Ich weinte und war so entsetzt über das verzerrte Menschenbild, das in meinen Augen dahinter stand, dass ich mich einem befreundeten Psychoanalytiker anvertraute, der mir half, die Motive zu verstehen, die der Beschäftigung mit Pornographie zugrunde liegen. Daraufhin versuchte ich von mir aus, Paulus mit pornographischer Lektüre zu versorgen, was natürlich nicht funktionierte, da der Hauptreiz für ihn ja darin lag, sie vor mir geheim zuhalten. Dennoch benutzte er mich, um bestimmte Bücher zu bestellen, und natürlich hatten seine vielen Freundinnen Spaß daran.

Tillich holte sich in den Grenzerfahrungen sado-masochistischer Sexualpraxis Energie für seine theologische und politische Arbeit. Viele Freunde und Bekannte wussten das. Doch den Lesern seiner theologischen Werke blieb das in der Regel verborgen.

Peter Bruderer hat sich nun die Mühe gemacht, diesem „Mysterium” auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist ein gründlich recherchierter Aufsatz, der nebenbei nachzeichnet, dass Paul Tillich unter Postevangelikalen gerade eine Renaissance erlebt. Zitat:

In der Theologie verhält es sich ähnlich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einander ab, während altbekannte Themen und Persönlichkeiten immer wieder eine Renaissance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).

In den vergangenen zirka 15 Jahren beginnen die theologischen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emergent-Church-Bewegung wie zum Beispiel Brian McLaren, Rob Bell oder Tripp Fuller wieder zu zirkulieren. So wies ein Gastbeitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vielen Parallelen zwischen der Theologie von Paul Tillich und den Inhalten des Rob-Bell-Buches „What We Talk About When We Talk About God“ hin. In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Brian McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt vergleicht, der einem Patienten eine anspruchsvolle, aber dringend notwendige Chemotherapie verschreibt.

Ähnliche Töne sind bei den heutigen Erben der Emergent-Church-Bewegung zu hören, die sich in den postevangelikalen Netzwerken sammeln. So begründet beispielsweise der bekannte Songwriter Martin Pepper im Jahr 2018 seinen Eintritt in die Evangelische Kirche in Deutschland unter anderem mit Paul Tillich. In einem Facebook-Post erklärt er, er habe sich „mit Faszination durch die Systematische Theologie von Paul Tillich“ durchgearbeitet und „autodidaktisch alle wichtigen Veröffentlichungen von ihm mehrfach durchgearbeitet“.

Der Theologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem ausführlichen und vielgesehenen Beitrag auf dem Worthaus-Portal präsentiert. Damit liegt er möglicherweise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renaissance im deutschsprachigen, postevangelikalen Milieu. Auch Martin Thoms, das jüngste Mitglied in der postevangelikalen Elite, hat Tillich gelesen und dabei erkannt: „Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.“ Denn „Gott ist die Tiefe des Seins“. Zuletzt hat der junge Theologe Manuel Gräßlin in seinem vielbeachteten Buch „Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist“ (2026, SCM Brockhaus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich eingestimmt. Als Pastor einer ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evangelikalen Milieu zugerechnet werden. In seinem Buch bezeichnet er Tillich als „großen Theologen des 20. Jahrhunderts“ und basiert seine eigenen Gedanken über Zweifel auf dessen „klugen theologischen Überlegungen“.

Das von Tillich entwickelte Korrelationsprinzip hat auch meines Erachtens sehr wirkmächtig zur Entstehung des dekonstruktivistischen Postevangelikalismus beigetragen. Frau Anika Rönz hatte 2012 meine Sichtweise zutreffend wiedergegeben (Materialdienst der EZW, Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen, 75. Jg., 7/12, S. 257–263, hier S. 260–261):

So formuliert beispielsweise Ron Kubsch, Dozent am Martin Bucer Seminar und aktiver Blogger, folgende Vorbehalte: Zum einen problematisiert er den „pluralistischen Denkstil“ von Christinnen und Christen, die der Emerging-Church-Bewegung zuzurechnen sind. Dieser steht für ihn im Gegensatz zur biblischen Forderung nach einem unterscheidenden Denken. Hinzu kommt für ihn eine von der Emerging-Church-Bewegung betriebene Relativierung der Schriftautorität, die sich über das Sola-Scriptura-Prinzip des Protestantismus hinwegsetze und die Bibel nach dem Korrelationsprinzip nach Paul Tillich in einer Wechselbeziehung zwischen biblischer Wahrheit und kulturellen Kategorien auslege. Ebenso wirft er der Bewegung eine Verengung der Sünden- und Sühnopferlehre vor: Indem sie das Sühnopfer Jesu vor dem Hintergrund eines bestimmten Gottesbildes ablehne, verkürze sie die biblische Lehre von Sünde und Sühne. Als einen weiteren Kritikpunkt nennt Kubsch schließlich eine „Religionsvermischung“ und kritisiert hiermit zum einen die Übernahme von Praktiken aus anderen religiösen Traditionen (wie Yoga, Meditation etc.) als auch die schon angesprochene, innerhalb der Bewegung recht verbreitete theologisch-inklusivistische Haltung. Die Aussage beispielsweise, man könne gleichzeitig Hindu sein und Jesus nachfolgen, hält Kubsch für eine „merkwürdige“ Verzerrung des neutestamentlichen Verständnisses. Grundsätzlich sieht er das postmoderne Denken, wie es beispielsweise von Hegel, Nietzsche und Heidegger vertreten wurde, mit dem grundlegenden Gedanken der „Nicht-Existenz einer Metaregel“ im extremen Gegensatz zum Evangelium: „Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens überhaupt nicht verstehbar.“

Hier der empfehlenswerte Aufsatz von Peter Bruderer: danieloption.ch.

Frankreich will Abtreibungsgesetzgebung weiter lockern

2024 wurde die sogenannte „Freiheit zur Abtreibung“ in der französischen Verfassung verankert. Nun plant das Gesundheitsministerium zusätzlich längere Fristen und sogar das Ende der Gewissensklausel, die Personal bisher vor dem Antreibungszwang schützt. 

DIE TAGESPOST schreibt:

Die „besondere Gewissensklausel“ schützt bisher Ärzte und Hebammen ausdrücklich davor, selbst eine Abtreibung vornehmen zu müssen. Laut der französischen Zeitschrift „Tribune Chrétienne“ würde ihre Abschaffung nicht nur bedeuten, dass sämtliche allgemeinen Gewissensrechte des medizinischen Personals entfielen. Der Schritt hätte darüber hinaus erhebliche symbolische Bedeutung: Der besondere Charakter der Abtreibung, der bislang einen eigenen gesetzlichen Gewissensschutz begründet, würde dadurch relativiert: Die Abtreibung „wird zu einer Gesundheitsleistung unter vielen, deren moralische Besonderheit ausgelöscht werden soll.“

Im Strategiepapier des Ministeriums erscheint die Gewissensklausel nicht bloß als mögliches organisatorisches Hindernis. Ihre Existenz wird mit der „anhaltenden Stigmatisierung“ der vorgeburtlichen Kindstötung in Verbindung gebracht, was den Gewissensvorbehalt politisch unter Rechtfertigungsdruck bringt.

Außerdem sieht der „Fahrplan“ vor, instrumentelle Abtreibungen in weiteren Einrichtungen (Zentren für sexuelle Gesundheit, multidisziplinäre Gesundheitszentren) anzubieten, entsprechende Kompetenzen von Hebammen auszubauen und die „Versorgung“ von Frauen zu verbessern, die sich dem Ende der gesetzlichen Frist nähern. Als ausdrückliche Ziele nennt das Gesundheitsministerium die „Verringerung territorialer und sozialer Ungleichheiten“, den Ausbau des Angebots und den Kampf gegen die „Stigmatisierung“ der Abtreibung.

Mehr: www.die-tagespost.de.

Sterbehilfe bleibt in Großbritannien eine Straftat

Eine Gesetzesinitiative zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ist im britischen Parlament überraschend gescheitert. Die FAZ berichtet:

Befürworter der Sterbehilfe in Großbritannien haben bei einer Abstimmung im Parlament einen überraschenden Rückschlag erlitten. Die Mehrheit der Abgeordneten des Unterhauses stimmte am Freitag nach einer emotionalen Debatte unerwartet gegen ein Gesetz zur Legalisierung der Sterbehilfe in England und Wales. Der Entwurf hätte die Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen für Erwachsene erlaubt, die todkrank sind und weniger als sechs Monate zu leben haben. Bislang gilt Beihilfe zum Suizid als Straftat.

Noch im vergangenen Jahr hatten die Abgeordneten für einen Gesetzentwurf gestimmt, der anschließend jedoch im britischen Oberhaus, dem House of Lords, wegen zahlreicher Änderungsanträge hängengeblieben war. Die Labour-Abgeordnete Lauren Edwards hatte deshalb einen nahezu identischen Entwurf eingebracht, um das Thema voranzubringen. Dieser wurde nun jedoch überraschend abgelehnt. Mit dem Scheitern des Entwurfs im Unterhaus ist die Legalisierung der Sterbehilfe in England und Wales erst einmal vom Tisch.

Mehr: www.faz.net.

Mensch als Mann und Frau

Herman Bavinck über die Schöpfung des Menschen als Mann und Frau (zitiert aus Denny Burk, Mere Complementarianism, 2026 #ad): 

Gott ist der Schöpfer des Menschen und zugleich auch der Urheber der Sexualität und des geschlechtlichen Unterschieds. Dieser Unterschied ist nicht aus der Sünde hervorgegangen; er bestand von Anfang an, hat seinen Ursprung in der Schöpfung, ist eine Offenbarung von Gottes Willen und Souveränität und ist daher weise, heilig und gut. Daher darf niemand diesen geschlechtlichen Unterschied missverstehen oder verachten, weder in Bezug auf die eigene Identität noch auf die eines anderen Menschen. Er ist von Gott gewollt und in der Natur begründet. Er war damals und ist auch heute noch von Gott gewollt; Gott ist der souveräne Gestalter des Geschlechts; Mann und Frau verdanken Gott nicht nur ihre menschliche Natur, sondern auch ihre unterschiedlichen Geschlechter und Wesensarten. Beide sind gut, da sie beide aus Gottes Hand hervorgegangen sind.

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