Archiv für die 'Gesellschaft' Kategorie

Patchwork: Das geheuchelte Familienglück

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder. Melanie Mühl schreibt herausstechend für die FAZ:

Alle sind glücklich. Denn wir haben ein neues gesellschaftliches Ideal gefunden: die Patchworkfamilie. Das Wort klingt nach Sommerferienlager, und die Fotostrecken in den Zeitschriften zeigen fröhliche Menschen, die sicher im Leben stehen und jedes Problem lösen, bevor es überhaupt da ist. Ihr Motto lautet Leichtigkeit. Die Menschen heißen Demi Moore, Heidi Klum oder Boris Becker, sie heißen Christian und Bettina Wulff. Sie wohnen in Hollywood oder im Schloss Bellevue. Sie rufen uns winkend entgegen: Patchworkfamilien sind super!

»Wir können das Leben nicht einfach wieder dort aufnehmen, wo wir es einmal fallengelassen haben«, schrieb die Schriftstellerin Marion Titze einmal in einem wunderbaren Text in der Literaturzeitschrift »Sinn und Form«. In diesem Satz verbirgt sich die einfache Wahrheit, dass unser Handeln immer Folgen hat. Die Folgen können harmlos sein oder katastrophal. Sicher ist, dass irgendjemand immer den Preis dafür zahlen muss.

Mehr: www.faz.net.

VD: EP

Der Staat ist kein Tugendwächter

Eva Quistorp hat in einem Kommentar für TheEuropean ein merkwürdiges Konzept der Religionsfreiheit beworben und dabei, wie es sich für eine deftige Grünen-Politikerin gehört, die Evangelikalen in die Nähe militanter Muslime gerückt.

Das Grundgesetz ist eine Komplexität von Freiheiten und Pflichten, individuellen Rechten, aber auch von sozialen Rechten, und es versucht, diese in einen Gesamtzusammenhang zu setzen. Beispielsweise sind die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Versammlungsfreiheit, die Meinungs-, Wissenschafts- und die Kunstfreiheit wichtigere grundgesetzlich garantierte Rechte. In diesem Zusammenhang ist die Religionsfreiheit nicht als Freiheit für fundamentalistische Evangelikale, holocaustleugnende Katholiken oder djihadistische Muslime, sondern nur im Zusammenhang mit der Geschlechtergleichberechtigung, der Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit denkbar.

Es spricht für TheEuropean, dass bereits zwei Tage später eine Replik von Alexander Kissler publiziert wurde. Er warnt in seinem Beitrag vor einer Instrumentalisierung der Religionsfreiheit durch den Staat:

Weil der freiheitliche Staat den Glauben nicht politisieren darf, sondern ihn in seiner ganzen Eigentümlichkeit respektiert, muss es dem Staat egal sein, was der Gläubige oder Ungläubige denkt. Es mag Katholiken geben, die die Schoah relativieren, antisemitische Protestanten, intolerante Muslime, verblendete Atheisten, fundamentalistische Juden und nationalistische Hindus – ebenso wie korrupte Journalisten, kriminelle Wissenschaftler und verbrecherische Künstler. Wo immer sie gegen Recht und Gesetz verstoßen, müssen sie bestraft werden. Nie und nimmer aber darf der Staat die freie Ausübung des Glaubens, des Berufs, der Wissenschaft und der Kunst prinzipiell an politische Bedingungen koppeln. Es wäre das Ende der Republik, der Abschied von der Freiheit.

20 Jahre Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam

Am 5. August 1990 bekräftigten 45 Außenminister im Namen der Mitglieder der Konferenz Islamischer Staaten mit der Kairoer Erklärung ihre eingeschränkte Sicht der Menschenrechte unter der Vorbedingung der Gültigkeit der Scharia. Obwohl fast alle islamische Staaten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 unterschrieben haben, vertritt die Konferenz Islamischer Staaten die Auffassung, dass Muslime alleine göttlichem Gebot, also der Scharia Folge zu leisten hätten, die Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen hingegen menschliches Werk und damit für Muslime nicht bindend seien. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) kritisiert, dass damit Nicht-Muslime in islamischen Ländern vor dem Gesetz zu Bürgern zweiter Klasse würden, die Gleichberechtigung von Mann und Frau abgeschafft sei und die freiwillige Entscheidung, seinen Glauben zu wechseln, mit Hinweis auf die Menschenrechte im Islam verhindert werde, ja sogar mit langjährigen Haft und sogar mit der Todesstrafe geahndet werden könnte. Laut IGFM leiden in nahezu allen Mitgliedsländern der Konferenz Islamischer Staaten, zu den heute 57 Staaten gehören, Nichtmuslime unter Benachteiligung, Diskriminierung bis hin zur offenen Verfolgung. Gemessen an der Zahl der Opfer stellen die Christen die größte Opfergruppe. Die IGFM kritisiert, dass die Weltöffentlichkeit zu wenig Notiz von der fortschreitenden Festigung des Willens der Kairoer Erklärung nimmt: So sei der Menschenrechtsrat selbst als Steigbügelhalter für die Einschränkung der Menschenrechte aufgetreten, indem er eine Abstimmung zugelassen habe, in dessen Folge jegliche Kritik an menschenrechtswidrigem Handeln aus religiösen Gründen unzulässig sei. Gerade im Hinblick auf den Schutz vor den Folgen aus ungerechtfertigter Beschuldigung wegen Blasphemie oder für Konvertiten und den Vollzug barbarischer Strafen wie Steinigung, Amputation und Prügelstrafen habe der Menschenrechtsrat unselige Fakten geschaffen. Versagt hätten aber auch die westlichen und abendländisch orientierten Staaten, die es nicht vermocht hatten, sich auf eine gemeinsame Linie zum Schutz der Menschenrechte zu einigen, so die IGFM.

Nach der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Islam« vom 19.9.1981 durch den »Islamrat für Europa« ist die Kairoer Erklärung das zweite große multinationale Menschenrechtsdokument der islamischen Welt. Trotz weitreichender Garantien für die persönliche Freiheit des Menschen und die Unterstreichung, dass die grundlegenden Rechte und Freiheiten «verbindliche Gebote Gottes« seien und deshalb jeder Mensch individuell für ihre Einhaltung verantwortlich und deren Missachtung und Verletzung eine schreckliche Sünde sei, ist laut Abschlussartikel 25 die Scharia «die einzig zuständige Quelle für die Auslegung und Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung.« So bietet die Kairoer Erklärung Schlupflöcher für Steinigung und Amputation, indem sie gewährten Schutz des Lebens oder der körperlichen Unversehrtheit durch Hinweis auf die Gebote nach Schariarecht wieder aufhebt.

Weil der Islam – wie es dort heißt – die Religion der reinen Wesensart ist, ist es verboten, irgendeine Art von Druck auf einen Menschen auszuüben oder seine Armut oder Unwissenheit auszunutzen, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus zu bekehren. Es ist daher eine logische Folge, dass jeder Mensch das Recht hat, im Einklang mit den Normen der Scharia für das Recht einzutreten, das Gute zu verfechten und vor dem Unrecht und dem Bösen zu warnen. Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, soweit er damit nicht die Grundsätze der Scharia verletzt. Die freie Entscheidung, seinen Glauben zu wechseln, wie sie von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und dem Pakt für Bürgerliche und politische Rechte garantiert wird, ist durch diese Erklärung für Muslime aufgehoben: Konversion zum Islam ja, Islam verlassen unter Androhung schwerster Strafen, nein.

Voodoo-Pädagogik

An das Böse gewöhnt man sich schnell wenn es langsam kommt. Und wenn es früh kommt. Schon Kinder können sich spielerisch vom Bösen verzaubern lassen.

Herzlich Willkommen!

Es gibt Voodoo-Puppen … und es gibt VooDolls. VooDolls haben die magische Kraft von Voodoo-Puppen, sind aber viel cooler, bunter und vielseitiger. Für jedes kleine oder große Problem gibt es nämlich eine VooDoll, das für die Lösung zuständig ist. Egal, ob du Liebeskummer, Probleme in der Schule oder Schiss vor dem ersten Date hast. Es gibt eine VooDoll, die dir helfen kann.

Außerdem sind VooDolls immer da, wenn du sie brauchst, sie begleiten dich überall hin, geben dir Power und Mut oder machen einfach nur das Leben schöner und leichter. Und wenn du VooDolls verschenken möchtest, tun sie natürlich genau dasselbe für denjenigen, der sie geschenkt bekommen hat.

Probier’s doch einfach mal aus und lass dich überraschen.

Voodoo-Puppen für Kinder. »Diese Puppen können einem bestimmten Menschen nachgebildet oder durch ein Foto, das an die Puppe geheftet wird, als bestimmte Persönlichkeit ausgewiesen werden. Indem mit einer Nadel in die Puppe gestochen wird, soll demjenigen, dem die Puppe nachempfunden wurde, Schmerzen zugefügt werden. Im eigentlichen Sinne sind diese Puppen jedoch nachgebildete Gottheiten, die durch dieses Ritual angerufen werden.«

Das ist natürlich alles nur ›Spass‹. Wer es nicht glauben will, hier gibt es die VooDolls: my-voodoll.de.

VD: MW

Männerrechte

Ob Parkplätze, Scheidung oder Kanzlerposten – fragt man Dr. Eugen Maus, ziehen Männer immer den Kürzeren.

Seit 18 Jahren ist er mit derselben Frau zusammen. In einigen seiner Ansichten unterstützt sie ihn sogar. Geheiratet haben die beiden jedoch nicht. »Die Ehe ist keine Beziehungsform, die ich bedingungslos empfehlen würde«, so Maus. Immerhin werden 75 Prozent aller Scheidungen von Frauen eingereicht. Außerdem hätten es Männer in Sachen Familiengründung sowieso schon nicht leicht: Einerseits sollen sie sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen, um ihrer Frau unter die Arme zu greifen. Andererseits verkörpere der Mann auch heute noch den Ernährer der Familie, da sich viele Frauen im traditionellen Rollenbild sehr wohl fühlten und sich nicht täglich auch noch durch den Karriere-Dschungel schlagen wollten.

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper sagte einmal, dass »Männer von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt worden sind«. Über diesen »populistischen Blödsinn« kann Eugen Maus nur lachen, schließlich sei das keine Kunst, wenn man dazu mit Milliarden-Beiträgen gefördert werde. Allein in Deutschland gebe es jede Menge Frauenförderprogramme und so gut wie nichts Entsprechendes für Männer. Und das, obwohl die Frauen dem Mann durchaus viel zu verdanken hätten. Für Maus offenbart sich das beispielsweise bei den Werken der klassischen Musik, die nun mal überwiegend von Männern geschaffen wurden.

Tja, auf solche Machtkämpfe läuft eine Politik hinaus, die alle und alles gleich berechtigen möchte. Ich vermute, der Verein wird Zulauf bekommen. Hier der Artikel: www.welt.de.

Das Spiel mit den Geschlechterrollen (im Theater)

Die amerikanische Philosophin Judith Butler, die das Unbehagen der Geschlechter als »Gender Trouble« diskursfähig gemacht hat und Geschlecht wie Identität bloß als Rollen definiert, auf die niemand festgelegt ist, weil man sie wählen und wechseln kann, wäre begeistert gewesen. Die Schauspielerin Jana Schulz spielt mit den Geschlechterrollen. Sie ist damit eine Schauspielerin für das 21. Jahrhundert:

Nach über drei Stunden, in denen Jana Schulz fast durchweg in schmutziger Männerunterwäsche und desolater Gemütsverfassung auf der Bühne gerackert hatte, war zwar nicht klar geworden, was der Geschlechterwechsel eigentlich bezwecken sollte, da er dem Stück keinerlei inhaltlichen Mehrwert brachte. Aber es kann sein, dass die Regisseurin in erster Linie einer extrem plausiblen Überlegung gefolgt war: Dass sie für dieses Crossover-Experiment nie wieder eine bessere Schauspielerin finden würde. Das Verfahren ist freilich nicht ganz neu: Griechische Männer übernahmen in der Antike die Frauenrollen, und auch Frauen schlüpften irgendwann in Männerrollen – man denke an Angela Winkler als Prinz Hamlet bei Peter Zadek. Derlei Manöver ließen sich indes stets durch soziale Gepflogenheiten oder konzeptuelle Überlegungen erklären. Bei Jana Schulz hingegen wurde daraus ein irrwitziger Balanceakt, getragen vom reinen Spaß an der Freud’ gestalterischer Herausforderungen. “Corriger la fortune”, wie es in “Minna” heißt, und wer im Publikum bereit war, diesem schönen Schwindel auf den Leim zu gehen, konnte eine atemberaubende Grenzwanderung nicht nur zwischen realer Person und literarischer Figur erleben, sondern überdies zwischen Rolle und Klischee, zwischen Geschlecht und Bild.

Hier: www.welt.de.

So tickt die Generation Porno

Die WELT Online hat Anfang Juli zwei interessante Beiträge zum Thema Pornographie veröffentlicht. Kirsten Schiekiera gewährt Einblicke in die Konsumhaltung von Teenagern:

Bis vor gut zwei Monaten war Inga Schäller noch ahnungslos. »Ich wusste überhaupt nicht, dass man sich im Internet Pornovideos kostenlos ansehen kann! Ich dachte, das sei ein teures Vergnügen, das sich nur Erwachsene leisten können«, sagt die alleinerziehende Mutter. Als sie schnell eine dringende Überweisung vom Computer ihres Sohnes machen wollte, entdeckte sie, dass der 15-Jährige regelmäßig auf einschlägigen Seiten surft. Als sie ihn darauf ansprach, wiegelte er ab. Eine peinliche Situation für Mutter und Kind. »Ich finde es wirklich besorgniserregend, dass Kinder sich problemlos Bilder angucken, bei denen unsereins rot vor Scham wird. Wie sollen Teenager denn so etwas verarbeiten?«, fragt sich die Krankenschwester aus Berlin-Charlottenburg. Darüber machen sich die Teenager keine Gedanken. »Alle Jugendlichen gucken Pornos. Wirklich!«, meint Patrick (15) aus Berlin-Hellersdorf. Sein Freund Denis (18) nickt und erzählt, dass er »ein paar sehr schöne Filme« auf der Festplatte seiner »Playstation 3« gespeichert habe. Auch auf seinem Handy könne man diverse Clips betrachten. Auf die Frage, wie häufig die beiden Pornos sehen würden, zucken beide mit den Schultern. Einmal pro Woche? Zweimal pro Woche? »Viel häufiger, ich zumindest«, meint Denis. »Manchmal gucken wir in der Gruppe, manchmal alleine.« Dirk, ebenfalls 15, schüttelt den Kopf. Pornos würde er sich nur am Wochenende ansehen. » Sonst bin ich am nächsten Tag in der Schule nicht ausgeschlafen.«

Klaus Beier vom Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité erklärt im Gespräch:

Es wäre naiv zu glauben, dass sich diese Darstellungen nicht auf das sexuelle Selbstbild der Jugendlichen auswirken. In der Pubertät, wenn die Sexualhormone einschießen, sind Jugendliche besonders empfänglich für sexuelle Signale. Dann bilden sich bei den Mädchen und Jungen, deren Gehirne noch in der Entwicklung sind, die sexuellen Präferenzstrukturen aus. Das sind irreversible Vorgänge, und bis zum Beleg des Gegenteils ist davon auszugehen, dass Bildinhalte, die im Internet gesehen und mit sexueller Erregung verknüpft werden, sich in dieser sensiblen Phase in die Präferenzstruktur einschleusen könnten.

Hier die Beiträge:

VD: CU

Bundestag: Plädoyer für Religions- und Glaubensfreiheit

Der Bundestag hat sich heute Vormittag für einen weltweiten Schutz der Religionsfreiheit ausgesprochen. In einer fast zweistündigen Debatte waren sich die Fraktionen in Berlin allerdings uneinig in der Frage, ob der Schutz von Christen im Mittelpunkt der Forderungen stehen sollte. Aus Sicht von SPD, Linksfraktion und dem Bündnis 90/Die Grünen fokussiere der von CDU/CSU und FDP gemeinsam eingebrachten Antrag zu stark auf den Schutz der Christen.

Mehr Informationen und die Anträge zur Debatte gibt es hier: www.bundestag.de.

Missbrauch von links

Der sexuelle Missbrauch scheint, was die mediale Aufarbeitung anbetrifft, ein überwiegend katholisches Phänomen zu sein. Die meisten Missbrauchsfälle gibt es aber in den Patchwork-Familien (siehe auch hier). Und auch die »Linke« hat ihre Missbrauchsgeschichte: Zu den Projekten der 68er gehörte die sexuelle Befreiung der Kinder, der Bruch aller Schamgrenzen wurde bei einem Teil der Bewegung zum Programm. So entstand ein Klima, in dem selbst Pädophilie als fortschrittlich galt.

DER SPIEGEL schreibt in der Ausgabe Nr. 25 vom 21.06.2010:

Zur Wahrheit in der Debatte über den sexuellen Missbrauch gehört, dass die Verwirrung, wo die Grenzen im Umgang mit Kindern liegen, sich nicht auf die katholische Kirche beschränkte. Tatsächlich beginnt gerade in den sogenannten fortschrittlichen Milieus eine Sexualisierung der Kindheit, ein schrittweises Absenken der Tabuschranken, an dessen Ende sogar der Geschlechtsverkehr mit Kindern denkbar ist.

Schon die Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule haben gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen Reformanspruch und Enthemmung gab. Auch der Fall des ehemaligen »Konkret«-Verlegers Klaus Rainer Röhl ist ohne den Zeitbezug nicht wirklich zu verstehen. Die »Konkret«-Texte, in denen offen der Sex mit Minderjährigen propagiert wurde, sind mindestens so verstörend wie die von Röhl bestrittenen Anschuldigungen der Töchter Anja und Bettina, von ihrem Vater belästigt worden zu sein.

Es stellt sich die Frage, ob sich der Verleger durch Auflage und Anerkennung seines Magazins ermutigt sah. Wer von seiner Umwelt keine Zurechtweisung, sondern Zustimmung erfährt, hat ein geringeres Unrechtsbewusstsein und damit weniger Grund zur Affektkontrolle.

Auch die Linke hat ihre Missbrauchsgeschichte, und sie ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Fragt man Wortführer von einst, erhält man zögerliche oder ausweichende Antworten. »Im Kern der 68er-Bewegung hat es in der Tat an einer Respektierung der nötigen Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen gemangelt. Inwiefern diese Gefährdung zu Missbrauchsfällen geführt hat, ist offen«, schreibt der Politologe und Bewegungschronist Wolfgang Kraushaar im Rückblick.

Mangelnder Respekt vor den Grenzen ist eine schöne Formulierung. Man kann auch sagen: Die Grenzen wurden ziemlich gewaltsam eingerissen.

Hier der schockierende Artikel von Jan Fleischhauer und Wiebke Hollersen: www.spiegel.de.

Eine Identität ist zu wenig

Der Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, Klaus Farin, beschreibt in seinem Aufsatz »Jugendkulturen heute« (APuZ 27/2010, 5. Juli 2010, S. 5) das postmoderne Phänomen der multiplen Identitäten unter Jugendlichen:

Man kann sich Jugendkulturen bildlich wie Tropfen in einem Meer vorstellen: Es regnet selten neue Jugendkulturen, aber innerhalb des Meeres mischt sich alles unaufhörlich miteinander. Immer wieder erfasst eine große (Medien-)Welle eine Jugendkultur, die dann für eine kurze Zeit alle anderen zu dominieren scheint wie Techno in den 1990er Jahren und derzeit Hip-Hop. Doch die Küste naht, und auch die größte Welle zerschellt. Das Wasser verdampft dabei jedoch nicht, sondern es fließt wieder ins offene Meer zurück – zersprengt in viele kleine Jugendkulturen, verwandt und doch verschieden.

Diese ständige Vermischung hat insgesamt die Grenzen zwischen den Szenen seit den 1990er Jahren deutlich durchlässiger werden lassen. Selbstverständlich ist jeder Szeneangehörige immer noch zutiefst davon überzeugt, der einzig wahren Jugendkultur anzugehören (Arroganz ist seit jeher ein wichtiges Stilmittel von Jugendkulturen), doch die Realität zeigt: Kaum jemand verbleibt zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr in einer einzigen Jugendkultur; typisch ist der regelmäßige Wechsel: heute Punk, in der nächsten Saison Gothic, ein Jahr später vielleicht Skinhead oder Skateboarder. Oder gleich Punk und Jesus Freak, Skateboarder und Hip-Hopper. Oder: An diesem Wochenende Gothic, am nächsten Brit-Popper, der Montag gehört der Liebsten, am Mittwoch geht’s ins Fitnessstudio, am Freitag zur THW-Jugend oder zur Jungen Gemeinde. Für eine wachsende Gruppe der Jüngeren ist eine Identität, eine Rolle zu wenig. Ambivalenz und Flexibilität sind die Lebensprinzipien immer mehr jüngerer Menschen. Was der (Arbeits-)Markt ihnen zwangsweise lehrt, pflanzt sich in den selbstbestimmten Freizeitwelten fort.

Gemeinden, so könnte man schließen, sollten dem Fragmentarisierungstrend nicht übereifrig folgen, sondern das offene Meer im Blick haben.

Ich kann die APuZ-Ausgabe zum Thema Jugendkulturen Pastoren und Mitarbeitern in der Jugendarbeit empfehlen: HQ156C.pdf.

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