Archiv für die 'Philosophie' Kategorie

»Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit«

Helene Hegemann wurde in den vergangenen Wochen wie ein Wunderkind durch die Feuilletons gereicht. Inzwischen ist allen klar, dass sie beträchtliche Teile ihres postmodernen Erfolgsromans Axolotl Roadkill abgeschrieben hat (wird wohl nächste Woche auf der SPIEGEL-Liste Platz 2 belegen). Wie reagiert die Autorin aus der auf Authentizität versessenen Jugendkultur auf die Plagiatsvorwürfe? Lapidar:

Ich habe mich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.

Sie wird eine Heldin bleiben.

Durch den spektakulären Fall ist inzwischen die literarische Vorlage berühmt geworden. Strobo, das Buch jenes Bloggers, der anonym bleiben möchte, gewährt Einblicke in die Verlorenheit und Einsamkeit der Menschen, die in ihrer Erlebniskultur die Auflösung des Ich zelebrieren und in nüchternen Minuten spüren, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Mögen noch viele aufwachen.

Die FAZ hat mit »Airen« gesprochen. Ja, ich empfehle auch den ganz frommen Blog-Lesern einmal in die Welt der multiplen Identitäten einzutauchen (und wenigsten die unten angeführten Zitate, vielleicht aber auch eines der beiden Bücher, zu lesen). Das kann eine sehr heilsame Erfahrung sein.

Hier: www.faz.net.

Kierkegaards Sprung (mit Literaturangaben)

Hier der im November 2009 angekündigte Text über Kierkegaards Sprung mit Literaturangaben: mbstexte144.pdf.

Erträumte Neuzeit

Decartes.jpgDescartes war dreiundzwanzig Jahre alt, als er in der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 drei Träume hatte. Von dieser Nacht der Träume her datierte er jene geistige Revolution, aus der seine Philosophie hervorging, die durch einen absoluten Neuanfang gekennzeichnet war. Alles, was ihn bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. Dies ereignete sich, als Descartes im Dienst der bayerischen Armee stand und an der militärischen Kampagne von 1619 in Deutschland teilnahm. Im Winterlager in Ulm 1619/20 fasste er, wie Paul Valéry schreibt, den Entschluss, sich selbst als Quelle und Bürgen allen Wertes in Fragen der Erkenntnis zu nehmen. Das berühmte »Cogito, ergo sum«, Ich denke, also bin ich, soll in diesem Winter zur Grundlage seiner Philosophie geworden sein.

Mehr im Artikel »Die Nacht der Träume« von Henning Ritter: www.faz.net.

Politische Führung in der »Postdemokratie«

PXK3PD.jpgWer sich mit dem Phänomen der »Postdemokratie« beschäftigen möchte, ohne gleich das Buch:

zu erwerben, findet mit dem Aufsatz »Politische Führung in der ›Postdemokratie‹« von Claudia Ritzi und Gary S. Schaal einen guten Einstieg.

Hier drei Kostproben:

Die postdemokratische Konstellation lässt sich nach Crouch durch vier Merkmale charakterisieren, die in zunehmendem Maße in westlichen Demokratien beobachtet werden können: Auf der formal-institutionellen Ebene bleiben demokratische Institutionen und Prozeduren erhalten, so dass der Blick von außen, ohne Kenntnis des internen Prozesses der Demokratie, sie für normativ intakt halten würde; das entspricht jedoch nicht der Realität, da sie massiv an Bedeutung für die demokratische Entscheidung verloren haben. Daraus resultiert das zweite Merkmal der Postdemokratie, wonach Parteipolitik und der Wettkampf der Parteien um Wählerstimmen zunehmend von Inhalten, die später Regierungspolitik programmieren sollen, befreit werden. An die Stelle klarer Programmatik und der Diskussion politischer Handlungsoptionen treten personalisierte Wahlkampfstrategien. Die Inhalte der Politik werden drittens zunehmend von der »Firma« bestimmt, also als Folge des Zusammenwirkens politischer und ökonomischer Akteure. Daraus folgt viertens, dass die Bürgerinnen und Bürger als Demos zwar nicht de jure, aber de facto entmachtet werden. Postdemokratie ist in diesem Verständnis eine Scheindemokratie im institutionellen Gehäuse einer vollwertigen Demokratie …

Politische Führer folgen dem Ideal des findigen politischen Entrepreneurs von Joseph Schumpeter. Sie bedienen nicht in erster Linie Präferenzen und politische Wünsche der Bevölkerung, sondern sind innovativ, setzen die politische Agenda und erzeugen bei den Bürgern erst jene politische Präferenzen und nachträgliche Zustimmung, mit deren politischer Umsetzung sie bereits begonnen haben. Versteht man den demokratischen Prozess in Analogie zum Markt, so verschiebt sich das Ideal der Demokratie von der Nachfrage- zur Angebotsorientierung und somit von einer Demokratie der Bürgerbeteiligung hin zu einer der Führungsorientierung. Während die Entwicklung des Konsumgütermarktes dem Bürger als Konsumenten zunehmenden Einfluss auf die Produktion verschafft hat, hat der Bürger als Wähler an Macht verloren. Der zunehmend freie Wettbewerb hat nicht nur eine bedeutsamere Rolle von Unternehmern und unternehmerisch agierenden Politikern zur Folge, sondern auch konträre Konsequenzen für die Entwicklung politischer und ökonomischer Einflussstrukturen …

Im Zuge der Entwicklung zur Postdemokratie wandelt sich also der Verlauf der politischen Legitimationsprozesse, und politische und ökonomische Eliten werden als die zentralen Akteure in politischen Systemen gestärkt. Ihnen stehen die Bürger (jenseits von Wahlen und Abstimmungen) als weitgehend inaktive und zumeist politisch desinteressierte Masse gegenüber. Während die ökonomischen Akteure in der Regel fast unsichtbar für die Öffentlichkeit im Hintergrund (bzw. in den Lobbys der Parlamente, Regierungssitze und Ministerien) agieren und somit als gesellschaftliche Führungselite kaum wahrgenommen werden, versuchen prominente Regierungsvertreter, als leader einen Vertrauensvorschuss und Sympathiebonus bei den Bürgern zu erlangen, der ihnen die (nachträgliche) Unterstützung für ihr Handeln und die Wiederwahl sichert.

Der Aufsatz ist Bestandteil der aktuellen APuZ-Ausgabe, die hier zum kostenlosen Download angeboten wird: 5E02XS.pdf (2.456 KB)

Alle Wirklichkeit ist auf Gott bezogen

Ich habe vor einigen Wochen hier auf humorvolle Weise über ein Symposium des Schweizer Martin Bucer Seminars verwiesen und einen seriösen Bericht angekündigt. Hier mein Kurzbericht:

Alle Wirklichkeit ist auf Gott bezogen
Erstes Schweizer Symposium des Martin Bucer Seminars war der Amsterdamer Philosophie gewidmet

Wissenschaft, die sich ausschließlich auf die Welt der messbaren Erscheinungen beschränkt, kann nicht alle Aspekte der Wirklichkeit erfassen. Wissenschaft ist immer Abstraktion von Alltagserfahrung und nimmt bestimmte Gesichtspunkte besonders unter die Lupe. Deshalb darf keine Einzelwissenschaft die Deutungshoheit über Gottes Schöpfung für sich beanspruchen. Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer des ersten Schweizer Symposiums, das vom Martin Bucer Seminar (MBS) zwischen dem 18. und 20. September im Ferienhotel Seeblick am Vierwaldstättersee veranstaltet wurde.

Schultz.jpgThema des Symposiums war die so genannte »Amsterdamer Philosophie«, die von dem reformierten, holländischen Philosoph Herman Dooyeweerd (1894–1977) begründet wurde. Dooyeweerd zeigte durch umfangreiche Untersuchungen, dass das Denken der Menschen von Erkenntnisinteressen bestimmt wird. Anders als Immanuel Kant, der eine reine Vernunft behauptete und die logische Wirklichkeit verabsolutierte, wird nach Dooyeweerd alles Denken von im Herzen der Menschen verankerten Grundmotiven geprägt.

Professor Gianfranco Schultz (erstes Foto) von der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (CH), der für die Einführung in die Amsterdamer Schule gewonnen werden konnte, zeigte in seinen Vorträgen, dass einerseits unser Denken durch die Auflehnung gegen Gott gezeichnet ist. »Es geht ein Riss durch diese Welt und durch uns selbst«, sagte Schultz. Wir Menschen revoltieren gegen Gott und sind erlösungsbedürftig. Menschen, die ihre Abhängigkeit von Gott bejahen und dem Evangelium von Jesus Christus vertrauen, haben andererseits unendlich viele Entfaltungsmöglichkeiten. »Dass das, was Gott in die Welt hineingelegt hat, erschlossen werden soll, dass Dinge zu ihrem Recht kommen sollen, habe Dooyeweerd in seinen Arbeiten immer wieder deutlich machen können«, sagte Schultz.

Glas.jpg Professor Gerrit Glas von der Freien Universität Amsterdam (NL) stellte in seinen Vorträgen heraus, dass die Amsterdamer Philosophie für die Psychologie sehr fruchtbar gemacht werden kann. Der renommierte Psychiater und Philosoph demonstrierte anhand vieler Fallbeispiele aus seiner Forschungsarbeit, dass der Dooyeweerdsche Ansatz der Komplexität des Menschen angemessener ist, als Anthropologien, die sich auf wenige Aspekte des Menschen konzentrieren. Hier bewährt sich insbesondere die Lehre von der »Souveränität im eigenen Kreis«, sagte Glas. Demnach ist die Wirklichkeit durch Sphären strukturiert, in denen jeweils eigene Gesetze gelten. So können etwa die Gesetze der Biologie nicht einfach auf die Psychologie übertragen werden oder umgekehrt. Denn während die Biologie das Biotische studiert, beschäftigt sich die Psychologie mit dem Psychischen. In beiden Spähren gelten unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten.

Hansjürg Huber, Präsident des Schweizer Martin Bucer Seminars, hatte anlässlich seines runden Geburtstags zu dem Symposium eingeladen. Der Initiator dankte in seiner Schlussrede beiden Professoren für ihre kompetenten und engagierten Einführungsvorlesungen. Ihnen sei es gelungen, den Teilnehmern die komplexen und zugleich leistungsfähigen Ansätze vorzustellen und die teilweise kontroversen Diskussionen zu leiten. Durch die »Beschäftigung mit der Amsterdamer Philosophie sei eine Basis dafür gelegt, um weiter an dem Thema zu arbeiten«, sagte Huber. Für die Arbeit mit Menschen im Sozialwesen, in der Medizin oder Seelsorge brauchen wir eine solide christliche Anthropologie. »Wir Christen müssten sprachfähiger werden und uns in die aktuellen Debatten um Welt- und Menschenbilder einmischen«, formulierte Huber als Wunsch für weitere Symposien.

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Beitrag als PDF: Alle Wirklichkeit ist auf Gott bezogen.pdf

Alvin Plantinga im Interview

Hier ein Interview mit dem christlichen Philosophen Alvin Plantinga (zusammen ca. 25 Minuten):

Teil 1 – Argumente für Gott:

Reasons for God from CPX on Vimeo.

Teil 2 – Wo liegt Richard Dawkins falsch?:

Where Richard Dawkins goes wrong from CPX on Vimeo.

Teil 3 – Sicherer Glaube ohne Beweise?:

Sure Faith without Proof from CPX on Vimeo.

Teil 4 – Ist Gott gut?:

Is God good? from CPX on Vimeo.

Where Richard Dawkins goes wrong from CPX on Vimeo.

VD: JT

Heidegger als Versuchung

Odo Marquard beschreibt in seinem Aufsatz »Sprachmonismus und Sprachpluralismus« amüsiert, wie während seiner Studienzeit in Freiburg Martin Heidegger zur Versuchung wurde (Quelle: Skepsis in der Moderne, S.74–75). Später kamen freilich andere Versuchungen, wie z.B. die Frankfurter Schule, hinzu.

Für meine Generation – die unmittelbare Generation der Studierenden nach Ende des Zweiten Weltkriegs – war zweifellos Heidegger die Versuchung. Den Namen Heidegger habe ich zuerst 1947 in Münster gehört. Zum Winter 1949 sind drei Studenten der Philosophie – Hermann Lübbe, Karlfried Gründer und ich – dann aus Münster nach Freiburg gekommen, gleichzeitig mit Ernst Tugendhat, der aus Amerika kam und in seinen Philosophischen Aufsätzen darüber berichtet. Wir kamen auch und gerade Heideggers wegen nach Freiburg. Heidegger durfte damals noch nicht wieder lesen: Vielleicht hat gerade das zusätzlich stimuliert. Heidegger war – trotz seiner Abwesenheit – überall präsent; nur ein Beispiel: Es gab damals Professorenbilder im Ansichtskartenstil in Freiburg zu kaufen. Jede Professorenansichtskarte kostete 80 Pfennige, nur Heidegger kostete – bei gleicher Aufmachung – 1,20 D-Mark. In der Philosophie war Freiburg ein durch Heidegger missioniertes Gebiet: Alle glaubten – irgendwie – an Heidegger. Aber es gab zugleich mehrere Sekten – die Fink-Sekte, die Müller-Sekte, die Szilasi-Sekte, auch die Welte-Sekte -, die darum stritten, den »wahren« Heidegger zu repräsentieren, was sie – nicht eigentlich bei den Lehrern, aber bei den Schülern – gegeneinander unerbitt- lich machte: Anstandshalber durfte niemand die jeweils anderen Sekten auch nur besuchen. Nur wir »Münsteraner« und Ernst Tugendhat galten diesen Sekten als philosophisch unzuverlässig – sozusagen als potentielle Heidegger-Heiden – und durften als Strafe für unsere Unzuverlässigkeit schimpflicherweise alle Sekten besuchen. Die Komik dieser Situation – man traf nicht auf einen Heidegger, sondern auf vier Heideggers und auf vier Heidegger- Jargons – wurde uns sehr bald bewußt. Sie führte zur weiteren Relativierung des Heidegger-Anspruchs: So sind wir – zumindest ein wenig – Heideggers Jargon entronnen.

Fragen als Abwehrmechanismus

»Ehrliche Antworten auf ehrliche Fragen«, hieß es zur Zeiten von Francis Schaeffer im L’Abri-Studienzentrum. Junge Leute strömten in die Schweiz, weil sie brennende Fragen loswerden wollten und leidenschaftlich nach tragfähigen Antworten suchten.

Ehrliche Fragen vernehme ich heute selten. Gefragt wird zwar viel, oft aber nur, um sich vor Antworten zu schützen. Man fragt, weil man keine Antwort will.  Auf eine Antwort hören, kann nämlich bedeuteten, dass man nicht mehr nur das tun kann, was man will. Da einem »Hören« das verbindliche »Gehorchen« folgen könnte, wird lieber hinterfragt.

Zygmunt Bauman schreibt über die Postmoderne:

Sie ist ein Geisteszustand, der sich vor allem durch seine alles verspottende, alles aushöhlende, alles zersetzende Destruktivität auszeichnet. Es scheint zuweilen, als sei der postmoderne Geist die Kritik im Augenblick ihres definitiven Triumphes: eine Kritik, der es immer schwerer fällt, kritisch zu sein, weil sie alles, was sie zu kritisieren pflegte, zerstört hat. Dabei verschwand die schiere Notwendigkeit der Kritik. Es ist nichts übriggeblieben, wogegen man sich wenden könnte.

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