„Das liebe Gott“

Kürzlich habe ich die normative Ethik der „Political Correctness“ und damit die angestrebte Umerziehung der Bürger durch Einführung einer neuen Sprache beklagt (siehe hier). Henryk M. Broder kann diese Entwicklung nur noch mit zynischem Humor ertragen. Er schreibt in WELT online:

Denn inzwischen hat die Political Correctness Fortschritte gemacht. Das große I hat sich in der Politik flächendeckend durchgesetzt (“WählerInnen”, besser ausgesprochen: “Wählerinnen und Wähler”), an den Universitäten wird ein Fach namens Gender Studies gelehrt, das auf der Annahme beruht, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht biologisch bedingt, sondern ein “gesellschaftliches Konstrukt” ist; progressive Erziehungswissenschaftler möchten Puppen und Rennautos durch “geschlechtsneutrales Spielzeug” ersetzt sehen; in der Literatur, die bisher von solchen Tendenzen weitgehend verschont geblieben ist, bahnt sich Ähnliches an.

Wenn die Familienministerin es schafft, “Pippi Langstrumpf” rückwirkend umzuschreiben, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Klassiker an die Reihe kommen. “Der Idiot” von Dostojewski wird auf den bestimmten Artikel verzichten müssen und als “IdiotIn” politisch korrekt reinkarnieren.

Falls es stimmt, dass die Familienministerin Schröder sich langsam auch an die Korrektur der biblischen Sprache wagt, ist das, solange es Privatvergnügen bleibt, einfach nur deppert. Sollten jedoch diese Sprachregelungen, also z.B. die geschlechtsneutrale Anrede Gottes, irgendwann flächendeckend erzwungen werden, hoffe ich auf einen deftigen zivilen Ungehorsam.

Hier: www.welt.de.

Kommentare

  1. Johannes meint:

    Also ich fühle mich mittlerweile stark diskriminiert dadurch, dass die Weiblichkeit immer einen Vorrang bekommt, sie überall zuerst genannt wird, ihr die besten Parkplätze beim Einkaufen vorbehalten sind und sie alles Maskuline negativ besetzt. Das ist nicht Befreiung, sondern Unterdrückung! Ich empfehle allen Männern, Mut zur Männlichkeit, und macht nicht mit bei diesem Unsinn – denn leider haben wir keine Lobby in der Politik (denn Lobby ist femininen Geschlechts).

    PS: Wir brauchen uns nicht über schlechte Pisa-Ergebnisse zu wundern, wenn wir unseren Kindern so hirnrissige Konstrukte wie “WählerInnen” beibringen. Das ist keine Orthographie, sondern ein Zustand.

  2. Ich bin skeptisch, ob der deftige zivile Ungehorsam wirklich möglich ist, so erfreulich er auch wäre. Nach eigenen Erfahrungen an meiner Uni glaube ich nicht, dass der Prozess noch aufzuhalten ist; bekanntlich ist ja die gegenwärtige Lehrmeinung “der” Uni die “politische Korrektheit” von Morgen – man schaue sich dazu nur die 68-er Bewegung an. Vielleicht irre ich mich auch, weil sich diese Richtung besonders geschickt zu vermarkten weiß und sich durch eine flächendeckende Verteilung von Plakaten, Flyern, etc. geschickt zu präsentieren weiß. Ich jedenfalls würde mich freuen, sollte ich in dieser Hinsicht eines Besseren belehrt werden!

  3. Schandor meint:

    Gesellschaftliche Phänomene sind jetzt politisierbar und werden dem entmündigten Bürger als “Gerechtigkeit” oktroyiert. Damit sind wir a limine bei der Diktatur angelangt. Philipp Langstrumpf also – das ich nicht lache! Die Binnenmajuskel darf als Zeichen mentaler Dekadenz angesehen werden – wer sich ihrer schuldig macht, “outet” sich als politisch korrekt und damit antichristlich. Die Abschaffung des Menschen eben. Es wird allerdings nicht helfen, gegen diesen Stachel zu löcken: Entweder entsteigt der kommenden Diktatur der Debilität und Massenverblödung einst wieder eine Demokratie, oder wir dürfen mit der Verderbnis der menschlichen Natur aus dem Geiste eines präimplatationsdiagnostischen Speziesismus rechnen. Schöne alte Welt.

     

  4. Johannes S. meint:

    Ich finds ehrlich gesagt ganz gut, dass eine meiner Professoren ab und an Gott mit feminimem Artikel verwendet, also z.B. “die Gott” – und zwar aus theologischen Gründen: Alles andere reduziert Gott schon allein durch den Artikel…

  5. @Johannes S.: Aus theologischen Gründen? Wie furchtbar. Das muss wohl daran liegen, dass “Geist” feminin ist. In diesem Fall kann ich Zimmer empfehlen: http://www.theoblog.de/geschlechtergerechtigkeit/12689/

    Liebe Grüße, Ron

     

  6. Schandor meint:

    @Johannes S.

     

    “Eine meiner Professoren” – gut gegendert! :)

  7. Wunderbar! Broder reißt zwei Interviewaussagen von Frau Schröder aus dem Zusammenhang, bastelt ein paar seiner üblichen Phrasen drumrum und schon haben wir eine “hochqualitative” Kolumne zum Thema “Political Correctness”. Es muss sich ja keiner die Mühe machen das Originalinterview in der Zeit zu lesen. Weder der Verfasser dieses Blogs, noch die Kommentatoren dieses Blogeintrags. Sonst könnte man ja keine Verschwörungstheorien spinnen.

  8. @nik: Aus dem Zusammenhang gerissen? Kannst Du uns das näher erklären? Wer selbst das Interview nachlesen möchte, findet es hier:

    http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/aktuelles,did=194706.html?view=renderPrint

    Liebe Grüße, Ron

  9. @Ron. Frau Schröder darf doch daheim ihrem Kind vorlesen was und besonders wie sie es will. Falls sie nicht das Wort “Negerkönig” verwenden will, wenn sie ihrem Kind etwas vorließt, ist das doch ihre Sache. Daraus aber ein ganzen Aufhänger für eine Kolumne zu machen, ist für mich komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Das Thema Gender und das große I in allen möglichen -Innen, welches Broder dann aus dieser Aussage heraus entwickelt, erschließt sich mir da auch nicht ganz. Das ist für mich eben aus dem Zusammenhang gerissen. Ähnlich finde ich sieht es bei der Aussage mit “das liebe Gott” aus.

    Ich finde interessant wenn man einmal die Kette “Zeitinterview”- “Broders Artikel” – “dein Blogeintrag” – “Kommentare zu dem Blogeintrag” anschaut. Schandor läßt in seinem Beitrag den Begriff “Philipp Langstrumpf” fallen. Was hat das denn noch mit den Aussagen von Frau Schröder zu tun, die hier verwendet werden um “Political Correctness” zu kritisieren. Meiner Meinung garnichts mehr. Ich persönlich habe nichts an berechtigter Kritik von “Political Correctness”, das hier ist meiner Meinung nach aber ein Aufbauschen der Aussagen von Frau Schröder.

  10. Zettel hat dazu auch einen lesenswerten Kommentar geschrieben:

    “Ja, es gibt Grund zur Kritik. Aber nicht die Mutter ist zu kritisiern, die ihre Kinder davor schützt, zu Außenseitern zu werden. Zu kritisieren ist eine Gesellschaft, in der man schon zum Außenseiter zu werden droht, wenn man als Kind aus dem Buch einer klassischen Kinderbuchautorin das aufsagt, was diese geschrieben hat.”

    http://zettelsraum.blogspot.de/2012/12/zettels-meckercke-kristina-schroder-und.html

    Und wieso sind die Grimm-Märchen sexistisch?

  11. Alexander meint:

    Meine Güte, ist das Interview langweilig.

  12. Schandor meint:

    Wieso sagt man eigentlich “political correctness” und nicht Neusprech? Gendersprache = Neusprech.

    @nik
    Zicke nicht so rum! ;-)

  13. @nik: Was den “Zusammenhang” des Interviews betrifft hat wohl DIE ZEIT selbst dafür sorgen wollen, dass eben genau die hier diskutierten Sachverhalte diskutiert werden. Siehe ihre Vorabmeldung: http://www.zeit.de/vorabmeldungen/neu-in-der-aktuellen-zeit/seite-4
    Broder hat womöglich nur diese gelesen, dass wäre zwar billig, aber trotzdem recht, da es DIE ZEIT scheinbar darauf abgesehen hat.

    Mein Vorschlag zu dem Thema wäre, dass das “Wort zum Sonntag” über das Gott in Zukunft von das Minister übernommen wird.

    Schade finde ich aber zumindest, dass die Grundschulweisheit “Genus ≠ Sexus” selbst von MinisterInnen nicht mehr berücksichtig wird. Wie werden die postmodernen Stadtkinder eines Tages erschrecken, dass die Katze, die ihnen beim sommerlichen Urlaub auf dem Bauernhof über den Weg läuft, einen Piephahn haben mag. ;)

    Ansonsten, Business as usual: kurz vor Weihnachten hat Jesus entweder nicht gelebt, hatte ein Mädchen oder ist eben nun selber eins. :))

  14. @Ron. Hattest du denn das Interview gelesen bevor du den Blogeintrag erstellt hast?

  15. @nik:: Nein, ich habe kein ZEIT-Abo und kannte nur den Artikel von Broder. Ich kann trotzdem nicht erkennen, dass die Aussagen von Frau Schröder von Broder aus dem Zusammenhang gerissen worden ist. Das er zuspitzt, ist doch vollkommen legitim. Auch nach der Lektüre des Interviews hätte ich gern auf den Kommentar von Broder verwiesen. Hast Du denn, bevor Du hier kommentiert hast, sowohl das ZEIT-Interview als auch den WELT-Kommentar gelesen? ;-)

    Liebe Grüße, Ron

  16. Nachtrag; Frau Schröder hat alles richtig gemacht, meint Matthias Heine:

    http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article112167164/Eine-Ehrenrettung-fuer-Kristina-Schroeder.html

  17. @Ron. Ich hatte erst deinen Beitrag gelesen, dann den von Broder. Dann habe ich das Zeitinterview gelesen, und danach habe ich hier kommentiert.
    Du denkst, dass er “nur” überspitzt. Gut wahrscheinlich gibt es da unterschiedliche Ansichten. Ich finde sogar Broder reißt die Aussagen nicht nur aus dem Zusammenhang, zum Teil sagt er schlicht weg die Unwahrheit. Beispiel: Er schreibt in der Überschrift: “”Pippi Langstrumpf”, “Struwwelpeter”, “Schneewittchen”: alles Literaturklassiker, allesamt diskriminierend? Ginge es nach Familienministerin Schröder, müssten diese Bücher umgeschrieben werden.” Das stimmt einfach nicht, sowas sagt Frau Schröder in dem Interview nicht. Aber ist so eine Aussage erstmal in die Welt gestellt, lassen sich daraus wunderbare Theorien spinnen.
    Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass auch Christen manchmal nicht abgeneigt sind Aussagen die nicht ganz der Wahrheit entsprechen, oder sogar wirklich Lügen sind, gut zu finden wenn sie vermeintlich dazu dienen ihre Ansichten zu vertreten. Für mich geht diese Diskussion hier in diese Richtung.
    Nichts gegen berechtigte Kritik an “political correctness” und “gender wahn”, aber dann bitte mit Fakten. Und nicht mit irgendwelchen Theorien: Broder erzählt was Schröder zu dem Thema gesagt hat und daraus spinnen wir mal die Phantasie, dass Frau Schröder oder sonst wer uns zwingen wird in Zukunft nur noch eine Geschlechtsneutrale Anrede für Gott zu verwenden. Zu selten höre ich wirklich Fakten zu dem Thema.
    Mit Besten Grüßen

  18. @nik: Danke für die Erklärungen. Ich sehe das, wie oben gesagt, anders. Jetzt musst Du allerdings aufpassen, dass Du nicht selbst Gerüchte in die Welt setzt. Ich habe nirgendwo behauptet, Frau Schröder wollte oder könnte erzwingen, dass Gott nur noch Geschlechtsneutral angesprochen werden dürfe.

    Eine besinnliche Weihnachtszeit wünscht, Ron

  19. @Ron. Wunderbar, den pädagogischen Seitenhieb, konntest du dir natürlich nicht verkneifen.
    Ich habe dieses hier in deinem Blog gelesen:
    “Sollten jedoch diese Sprachregelungen, also z.B. die geschlechtsneutrale Anrede Gottes, irgendwann flächendeckend erzwungen werden, hoffe ich auf einen deftigen zivilen Ungehorsam.” Daher das Gerücht, das ich vermeintlich streue. Vielleicht habe ich den Satz dann falsch verstanden, oder falsch interpretiert. Es tut mir leid falls dem so wäre, ich wollte kein Gerücht in die Welt setzen.
    Der Satz ist aber auch wunderbar formuliert.

    Ich wünsche ebenso eine besinnliche und gesegnete Weihnachtszeit

  20. @nik: Meinst Du ernsthaft, ich glaube daran, dass Frau Schröder so eine Regelung durchsetzen könne? Um so etwas durchzusetzen, bedarf es anderer Machtkonzentrationen.

    Liebe Grüße, Ron

  21. @Ron. Ich hatte ja auch geschrieben “Frau Schröder oder sonst wer”. Vielleicht könntest du glauben das eine andere Person oder andere Personen dies durchsetzen. Aber damit will ich es mal belassen.
    Grüße

  22. @nik: Das hatte ich übersehen. ;-)

    Liebe Grüße, Ron

  23. Schandor meint:

    @nik

    Korrekturtinte in den Adern statt Blut? ;-)

  24. Das klingt doch gut:

    Als „unsinnig“ bezeichnet ein führender evangelikaler Theologe die Äußerung Schröders, die der theologisch konservativen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche angehört. Rolf Hille (Heilbronn), Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie, erklärte auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „In der Tat: Gott, der Schöpfer, steht über allen menschlichen Geschlechtsunterschieden. Aber das heißt keineswegs, dass er damit zur Sache, zum „das Gott“ wird.“ Hier habe sich die Ministerin „vergaloppiert“. Hille: „Gerade an Weihnachten geht es darum: Gott ist Person, und er ist in einem kleinen Jungen in unsere Welt gekommen. Er erlaubt uns, Gott ganz persönlich Vater, Abba, zu nennen. Das ist Grund zu feiern. Alles andere ist Unsinn.“

    Liebe Grüße, Ron

  25. Aus dem Zeit-Interivew mit der Familienministerin ist eine Posse geworden. Dass sich so viele Zeitschriften der Sache annehmen, wird an der Weihnachtszeit liegen. Das Thema hilft, die sich verflüchtigende Sprachfähigkeit in Sachen Weihnachten zu übertünchen. Endlich ist da etwas, über das wir diskutieren können. Diesmal reden wir nicht über die Jungfrau Maria, sondern das (grammatikalische) Geschlecht Gottes.

    Es ist eine tragische Komödie. Eine gute Zusammenfassung findet sich in einer Aussage, die Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein gemacht haben soll: Er – so schreibt Andrea Seibel für die WELT –, „attestiert Schröder theologische Richtigkeit, fühlt sich aber dennoch unwohl und findet die wohl treffendsten Worte, da er ein Vertreter des gesunden Menschen- und Gottverstandes ist: “Emotional ist das nicht meine Welt. Für mich ist es wichtig, Gott als Vater zu haben.”

    Das ist Theologie nach Schleiermacher. Dogmatik wird gegen psychoanalytisch angereicherte Religionspsychologie eingetauscht. Ungefähr so: „Da es meiner Seele gut tut, bleibe ich bei Vater. Ich habe Verständnis dafür, das andere, vielleicht diejenigen, die einen willkürlichen Vater haben oder hatten, lieber bei der Mutter oder dem ES bleiben. Jedem sein Bild.“

    Mit Offenbarungstheologie hat das alles nichts mehr zu tun. Glauben wir noch, dass Gott uns verstehbar etwas über sich selbst kommuniziert hat? So sollt ihr beten, sagt Jesus: „Unser Vater im Himmel. Dein Name werde geheiligt.“

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