Das Sühneopfer von Jesus Christus
»Keine Begriffe des theologischen Wortschatzes rund um das Kreuz haben mehr Kritik hervorgerufen, als ›Genugtuung‹ und ›Stellvertretung‹«, schrieb John Stott 1986 in seinem vielleicht wichtigsten Buch: The Cross of Christ (S. 111).
Einerseits ist die Sühnetat von Jesus Christus alt- und neutestamentlich so vielfältig bezeugt, dass sie mit Recht zum Herz der christlichen Dogmatik gehört. Andererseits muss Josef Blank feststellen (»Weißt Du, was Versöhnung heißt« in Blank, Werbick (Hg.), Sühne und Versöhnung, 1986, S. 21):
Wahrscheinlich begegnet heute keine Lehre des Christentums größeren Schwierigkeiten als die traditionelle Lehre, daß uns Jesus Christus durch seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz von unseren Sünden erlöst hat.
Keine Frage, die Bibel überliefert uns eine Fülle von Begriffen, Bildern und Zugängen zum Versöhnungswerk von Jesus Christus. Wir finden nicht nur einen Typus der Versöhnungslehre (vgl. dazu G. Aulén, »Die drei Haupttypen des christlichen Versöhnungsgedankens«, Zeitschrift für Systematische Theologie, Jg. 8, 1930). Der klassische ›Christus-Victor‹-Typus betont beispielsweise in angemessener Weise die Siegestat von Christus über die Mächte des Bösen. Der lateinische Typus der Versöhnungslehre hebt demgegenüber den satisfaktorischen Gerechtigkeitsausgleich hervor, der Gott gegeben wird (und ist damit grundsätzlich (nicht argumentativ) älter als die ›Satisfaktionslehre‹ Anselms).
Aber doch fällt auf, dass die kirchengeschichtlich etablierten Typen der Versöhnungslehre seit der Aufklärung (vgl. besonders Kant und Schleiermacher) hinter eine humanisierende Versöhnungslehre zurückfallen. Heute wird bevorzugt nur noch von der Liebe Gottes gesprochen. Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern Gott ist der versöhnende Versöhner für uns Menschen.
Was ist da passiert?
Der Gedanke, dass Christus stellvertretend für uns Menschen sterben musste, erscheint dem aufgeklärten Europäer als ungerecht und viel zu blutig. Die Vorstellung, dass ein Unschuldiger die Schuld der Welt auf sich nimmt und durch sein vollkommenes Opfer bezahlt, erinnert an einen kosmischen Kindesmissbrauch (vgl. z.B. Brock, Chalke o. McLaren). Rudolf Bultmann hat das Problem so formuliert (»Neues Testament und Mythologie« in: Kerygma und Mythos, 1954, S. 20) :
Wie kann meine Schuld durch den Tod eines Schuldlosen (wenn man von einem solchen überhaupt reden darf) gesühnt werden? Welche primitiven Begriffe von Schuld und Gerechtigkeit liegen solcher Vorstellung zugrunde? Welch primitiver Gottesbegriff? Soll die Anschauung vom sündentilgenden Tode Christi aus der Opfervorstellung verstanden werden: welch primitive Mythologie, daß ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt! Oder aus der Rechtsanschauung, so daß also in dem Rechtshandel zwischen Gott und Mensch durch den Tod Christi den Forderungen Gottes Genugtuung geleistet wäre: dann könnte die Sünde ja nur juristisch als äußerliche Gebotsübertretung verstanden sein, und die ethischen Maßstäbe wären ausgeschaltet!
Der aufgeklärte Mensch kann und will also mit seinem Selbstverständnis einen zornigen Gott überhaupt nicht mehr denken und bereinigt folglich die biblische Versöhnungslehre durch Verkürzung und Umdeutung von dem anstößigen Sühnewerk (vgl. z. B. die Zitate von Grün, Chalke u. Mann).
Aber ist Versöhnung mit Gott ohne Sühne möglich?
Nein! »Versöhnung bedeutet die Wiederherstellung eines guten Verhältnisses zwischen Feinden. Um dieses Verhältnis im Gegenüber von Gott und Mensch zu erreichen, müssen die Faktoren beseitigt werden, die die Feindschaft hervorrufen. Das geschieht durch Sühne« (H.-G. Link, »Versöhnung« in: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Bd. 2, S. 1309). Versöhnung mit Gott gibt es also nur als Versühnung durch Jesus Christus (vgl. a. 1Joh 2,2).
Ein Denkanstoß, da derzeit gern über Kontextualisierung gesprochen wird: Kann es sein, dass wir unter dem Einfluss des Humanismus die biblischen Sühnetexte in ihrer Schärfe und Härte gar nicht mehr wahrnehmen? Ist es der »aufgeklärte Verstehenshorizont«, der uns den Blick auf den zornigen Gott und die blutige Versöhnungstat am Kreuz vernebelt? Ist unsere Deutung des biblischen Befunds verzerrt durch moderne oder postmoderne Verstehensvoraussetzungen? Sollten wir deshalb nicht besser umgekehrt unsere Verstehens- und Lebenszusammenhänge auf der Grundlage der Heiligen Schrift deuten? Dann nämlich zeigt sich: Gott ist kein niedlicher jemand, der dafür da ist, unsere emotionale Bedürftigkeit zufrieden zu stellen. Gott ist gerecht und er ist heilig. Wir als Sünder können vor diesem Gott nicht bestehen und haben den göttlichen Zorn verdient. Es gibt nur eine einzige (Er)-Lösung (Röm 3,24–25):
Ganz unverdient, aus reiner Gnade, lässt Gott sie [die ungerechten Sünder] vor seinem Urteil als gerecht bestehen – aufgrund der Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist. Ihn hat Gott zum Sühneopfer verordnet. Sein Blut, das am Kreuz vergossen wurde, hat die Schuld getilgt – und das wird wirksam für alle, die es im Glauben annehmen.
Wer verstanden hat, was »reine Gnade« ist, und damit weiß, dass sie nicht billig ist, und glaubt, muss mit staunendem und frohem Herzen Jesus Christus anbeten, der sich selbst für unsere Erlösung gegeben hat (1Tim 2,6)!
Empfehlungen zum Thema »Kreuz und Sühne«:
- John Stott, The Cross of Christ, Leicester: IVP, 1986.
- Martyn Lloyd-Jones, The Cross: God‘s Way of Salvation, Eastbourne, Kingsway, 1986.
- I. Howard Marshall hat eine hervorragende Untersuchung (mit vielen Quellen) zur Sühnetheologie verfasst, die frei herunter geladen werden kann: www.eauk.org.
Diesen Beitrag gibt es ebenfalls im PDF-Format: suehneundversoehnung.pdf
Tags: Jesus Christus • Stellvertretendes Sühneopfer
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guter post.
ich hänge mal einen blogauszug meines früheren mentors john mark hicks, david lipscomb university, john mark hicks ministries, an:
“Since our interpretations of the atonement (and texts that speak of the atonement in Scripture) are always limited, it should be no surprise that at various times in the history of the church particular ways of thinking about the atonement (or particular metaphors) have dominated. The patristic era emphasized ransom (usually a ransom paid to Satan) and Christus Victor (Christ’s triumph over the powers of evil at the cross and in his resurrection) partly due to the ancient culture’s obsession with demonic forces and their power in the lives of people. Eastern churches tended to emphasize the incarnation rather than the cross as the centerpiece of how God reconciles the world to himself as they stressed the mystery of the union between God and humanity. The medieval Archbishop Anselm emphasized the honor of God in ways that reflected the feudal setting of the medieval world. Calvin, a trained lawyer, emphasized the legal dimensions of atonement (penal substitution) as his context was focused on the nature of righteousness and justice in salvation. Hugo Grotius, the father of international law, emphasized the exemplary nature of the punishment Christ suffered as a function of God’s moral governance of the world which was a primary concern for international law on the eve of and during the 17th century’s Thirty Year’s War. The social movements of late 19th century political liberalism and Marxism emphasized a social justice that Ritschl and others also saw as the atoning function of Jesus through the progress of the kingdom of God. Those who embrace a pacifist tradition (e.g., Mennonites) have generally emphasized a transformative version of the atoning work of Jesus–it is not fundamentally about legality but about transformation as we become like Jesus. Contemporary Emergent thinkers tend to emphasize the missional, transformative and social dimensions of the atonement by seeing the political and social character of the mission of Jesus in his ministry as part of the inbreaking of God’s kingdom into the world.”
und
“Given the situatedness in which we understand and proclaim the gospel, it is natural that one or two metaphors might emerge at any given time as the most relevant to the times. Theology is, to that extent, culturally situated and shaped by its situation. Anselm’s satisfaction theory worked in the feudal era and Calvin’s penal substitution resonated with his hearers who were seeking legal assurance of salvation. It may be different metaphors today; perhaps liberationist or missional or incarnational themes proclaim the good news today in ways that are readily understand in the culture where penal substitution and governmental theories do not. Diverse metaphors enable proclamation to diverse audiences in diverse times.”
der volle artikel aus seiner “hermeutics” serie ist hier zu finden:
http://johnmarkhicks.wordpress.com/2008/05/18/created-for-hermeneutics-part-v-theological-application/
natürlich darf man als christ die texte über das sühnopfer christi und die dadurch geschehene versöhnung mit gott in keiner weise verneinen, wie chalke und grün das machen. aber, dass auch andere sichtweisen parallel neben den oben genannten stehen dürfen darf auch ruhig vertreten werden. kann ich als evangelist einem menschen christus erst dann wirksam nahe bringen wenn er verstanden hat was “sühneopfer” bedeutet? oder kann ich ihn auch durch andere metaphern zu christus führen? oder anders: muss sühneopfer und versöhnung der einstieg sein? dass sie bestandteil einer guten theologie – und damit unabdingbar im menschlichen selbstverständnis und errettungsprozess – sind, steht ausser frage. aber besonders sie sozialen, politischen, beruflichen und gesellschaftlichen prägungen der von hicks oben genannten theologen scheinen sich direkt auf die anwendung und schwerpunkte ihrer theologie ausgewirkt zu haben. warum sollte es uns da anders gehen?
einen guten einstieg in dieses thema gibts im abschnitt “views of the atonement” aus dem werk “charts of christian theology & doctrine” von h. wayne house. die tabelle verdeutlicht auf einen blick wie vielschichtig der opfertod jesu in der geschichte diskutiert wurde.
Lieber Markus,
vielen Dank für Deinen Hinweis und Deine hilfreichen Erwägungen!
Um kurz zu antworten (stecke noch in den Predigtvorbereitungen für morgen):
1. Da die Bibel selbst verschiedene Sinnbilder bereitstellt, sollten wir aus dieser Fülle schöpfen. Es gibt übrigens eine interessante Untersuchung von Darren Summer über Calvin’s Doctrine of the Atonement. Dort kann man lesen (The Princeton Theological Review, Vol 13, No. 2, Fall 2007 (S. 50):
2. Ich bin ca. 26 Jahre Christ und würde mich hüten, zu behaupten, die Sühnetat von Jesus Christus verstanden zu haben. In bin dabei, zu verstehen und komme dabei immer mehr ins Staunen. Also würde ich die Maßstäbe in der missionarischen Arbeit nicht zu hoch ansetzen. Aber eine Gemeinde sollte darauf bedacht sein, über »Sühne« zu unterrichten, sonst betrügt sie ihre Mitglieder.
3. Und doch bin ich überzeugt, dass ohne die Auflehnung des Menschen gegen Gott zu verstehen, auch das Evangelium von der Gnade nicht verstanden werden kann. So gehört als m.E. nicht notwendig das Sühneopfer im engeren Sinn, wohl aber die Thematisierung unsere Sündhaftigkeit in unsere missionarischen Arbeit.
Soviel kurz von mir. Ich muss nun wieder ran an die Predigt.
Liebe Grüße, Ron
Mir scheint, als würde die kontroverse Diskussion um Sühne und Opfertod Christi die historische Dimension vernachlässigen, die sich in der Umkehr des Opfers findet. Es ist nicht länger der flehende Mensch, der die Gottheit versöhnen will, der sich Gunst erbittet etc und aus diesem Grund seiner Gottheit opfert. So ist der Umkehrschluss von Jesus als ein gewaltiger emanzipatorischer Schritt der Menschheit hin zu einem erweiterten Verständnis ihrer Existinz zu begreifen. Gott begibt sich sichtbat und nachvollziehbar in die Welt,macht sich seiner Schöpfung gleich, erhebt den Menschen nicht allein zu sich auf sondern mehr noch erhebt ihn über sich hinauf, indem er sich dieser Menschheit hinopfert.
Es ist und bleibt ja doch Gott. Gott allein, Gott er einzige, derunfassliche. Alle seine Emmanationen sind doch nur hilflose Versuche, sich dieser Unfassbarkeit anzunähern.
Es erscheint mir nicht recht, wenn man Jesus schematisch zu einem leiblichen Sohn funktionalisiert. Auch unser trinitatischer Gott bleibt doch ein Gott, bleibt doch der einzige Gott und als dieser begegnet er uns in unserem Christus, davon dürfen wir nicht absehen. So opfert also nicht Gott seinen Sohn, sondern in diesem sich selbst. – Und was für ein besseres Motiv als die Liebe könnte ihn dazu bewegen? Gott liebt seine Schöpfung so, dass sie ihm ein Selbstofer wert ist. (Genauer dieses Opfergeschehen ist naturwissenschaftliches Faktum). Ein Opfer, das ich also keineswegs metaphorisch begreife, so als litte Gott nicht mit seiner Schöpfung, so als sei er unnahbar und einzig transzendent. Nein, Gott ist seiner Schöpfung immanent. Und ganz gleich wie groß oder wie klein die Räume sind, in die wir vordringen wollen, überall ist er schon da – gleichsam im Nichts aufgehoben. Wenn man so will, dann ist Gott das ganz große und das ganz kleine Nichts (Das eine interstellar im Universum, das andere im Atom als der nichtige Raum zwischen Elektronen und Atomkernen -jene 99,7% des Atomvolumens.)
Wenn sichTheologen nun anheischig machen, über Sinn und Zweck von Opfer und Sühne zu theologisieren, dann erscheint dies sogesehen, ignorant (bestenfalls). Wer auch nur oberflächlich, so wie ich, in den Weltraum hinausschaut, der muss einfach begreifen wie sehr dort Opferungen Grundlage vieler Vorgänge sind. Dass wir – unsere Astrophysiker darin die Sühne nicht ausspähten, heißt erst einmal nich viel. Sühne ist so weit ich weiß keine relevante Kategorie der Weltraumforschung oder der Quantenphysik. Gleichwohl bin ich sicher, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird.
Dazu wäre Theologie vielleicht noch gut, die ansonsten dazu neigt, in Grabenkämpfen zuersticken und Ratlosigkeit zu verbreiten.
[...] einer Zeit, in der die Kritik am Sühneopfer von Jesus Christus Alltag geworden ist, kann ich das Buch sehr [...]
[...] bin ich auf einen Blogeintrag gestoßen, in dessen Kommentaren der Autor noch einmal etwas hervorhebt, was für mich nochmal die [...]
[...] Wortspiele denken. Vergessen hat er, dass die Jünger keine Sophisten oder Bultmann-Schüler (siehe hier), sondern einfache Leute waren. Konsequent sollte er sein, die Kanzel meiden und von mir aus [...]