Religion in den Grenzen der reinen Vernunft
Arsenij Gulyga schreibt in seiner bemerkenswerten Kant-Biographie (S. 247–248):
In Kants Lehre von der Religion wird die Historizitat seines Denkens ganz deutlich. Kant sieht einen urspriinglichen, seinem Wesen nach areligiosen Zustand der Menschen, darauf einen ersten, noch unvollkommenen Religionstypus: die »gottesdienstliche Religion«. Die dritte Etappe ist der Vernunftglauben. Die gottesdienstliche Religion (sie ist der am meisten verbreitete Typus) strebt das Wohlgefallen des hochsten Wesens zu erwerben, das milde gestimmt wird durch Anbetung, sakramentale Opfer, Beobachtung der Vorschriften und Zeremonien. Der Mensch wiegt sich in der Illusion, Gott konne ihn glücklich machen, ohne daß er selbst besser werden müsse; es genügt dabei, Gott auf entsprechende Weise zu bitten, indem man irgendwelche äußere Handlungen verübt. Eigentlich ist das ein Geschäft, das auf dem Grundsatz beruht »wie ich dir, so du mir«. Der Priester übernimmt die Rolle des Vermittlers; in der gottesdienstlichen Religion vollzieht er das Ritual, und die Kirche ist der Tempel, wo das Ritual stattfindet. Die Vernunftreligion ist der reine Glaube an das Gute, an die eigenen moralischen Potenzen ohne jegliche Beimischung irgendeines Kalküls, ohne Übertragung der eigenen Verantwortlichkeit auf hohere Mächte. Es ist dies eine Religion des guten Lebenswandels, die zur inneren Vervollkommnung verpflichtet. Der Priester fungiert in ihr nur als Erzieher, und die Kirche ist ein Versammlungsort für die Unterweisung.
Tags: Immanuel Kant • Philosophie
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