Die vermeintliche Attraktivität des Marxismus

Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass der Kommunismus unter jungen Intellektuellen wieder eine große Anziehungskraft entfaltet. Leider hat der Kommunismus noch nie halten können, was in seinem Namen den Menschen versprochen wurde.

Hier ein kurzes (altes) Video von Francis Schaeffer über das wahre Gesicht des Marxismus/Leninismus:

Das mysteriöse Lutherzitat

Johannes hat in seinem Kommentar auf ein Phänomen hingewiesen, dass vielen Francis Schaeffer-Lesern vertraut sein dürfte: Schaeffer und manch andere Mitarbeiter von L’abri haben es häufig nicht geschafft, von ihnen verarbeitete Quellen genau zu kennzeichnen. Schaeffer war an diesem Punkt, bedingt auch durch Überlastung, nachlässig.

Johannes erwähnt ein Zitat, dass Francis Schaeffer Luther zugeschrieben hat. Es lautet (Francis Schaeffer, Gott ist keine Illusion, Wuppertal: Brockhaus, 3. Aufl., 1974, S. 14):

Wenn ich mit lauter Stimme und klarer Auslegung alle Teile der Wahrheit Gottes verkündige, außer gerade dem einen kleinen Punkt, den die Welt und der Teufel eben in diesem Augenblick angreifen, dann bezeuge ich Christus überhaupt nicht, wie mutig ich auch Christus bekennen mag. Wo die Schlacht tobt, da wird die Treue des Kämpfers auf die Probe gestellt; und auf allen anderen Schlachtfeldern treu zu sein, ist für den Christen in diesem Augenblick nichts anderes als Flucht und Schande, wenn er in diesem Punkt nachgibt.

Bei Schaeffer heißt es im Original (Francis Schaeffer,The God Who Is There, Band 1: The Complete Works of Francis Schaeffer: A Christian Worldview, Crossway Book, Wheaton, Illinois, 10. Aufl. 1991, S. 11):

If I profess with the loudest voice and clearest exposition every portion of the truth of God except precisely that little point which the world and the devil are at that moment attacking, I am not confessing Christ, however boldly I may be professing Christ. Where the battle rages, there the loyalty of the soldier is proved, and to be steady on all the battlefield besides, is mere flight and disgrace if he flinches at that point.

Die Lektoren bei Brockhaus haben sich seinerzeit alle Mühe gegeben, Ungenauigkeiten von Schaeffer aufzuarbeiten. Aber an dieser Stelle ist es ihnen nicht gelungen, die Quelle herauszufinden. Auch im Buch Die große Anpassung (Asslar: Schulte und Gerth, 1988, S. 68–69) fehlt die Quelle.

Woher kommt also dieses Zitat? Ist es überhaupt von Luther?

Wer in der englischsprachigen Literatur forscht, wird schnell auf Schaeffer verwiesen (wie z.B. hier). Terry Mortenson und Thane H. Ury schreiben in ihrem Buch Coming to Grips with Genesis: Biblical Authority and the Age of the Earth (Master Books, 2008):

This famous statement is quite often quoted, but hardly ever with proper documentation. It can be found in secondary sources like Elizabeth Rundle Charles, Chronicles of the Schönberg-Cotta Familiy (London: T. Nelson and Sons, 1864), p. 276. Many writers mistakenly attribute the quote to D. Martin Luthers Werke: Kritische Gesamtausgabe, ed. J.K.F. Knaake, et al. (Weimer: H. Bohlau, 1883), Briefwechsel, vol. 3, p. 81f., which express only similar sentiments. Cf. Luther’s 1523 comment, in the original German in Briefe, Sendschreiben und Bedenken (Berlin: G. Reimer, 1826), p.345.

Das Buch Briefe, Sendschreiben und Bedenken habe ich zwar im Internet gefunden. Aber das Zitat oder dem Zitat ähnliche Gedanken finde ich weder auf S. 345 oder anderswo.

In der Weimarer Ausgabe, Briefe 3, steht in Luthers Brief Nr. 619:

Auch hilft nicht, daß jemand wollt sagen: »Ich will in allen Stücken sonst gern Christum und sein Wort bekennen, ohn daß ich müge schweigen eines oder zwei, die meine Tyrannen nicht leiden mögen, als die zwo Gestalt des Sacraments oder desgleichen.« Denn wer in einem Stück oder Wort Christum verleugnet, der hat ebendenselbigen Christum in dem einigen Stück verleugnet, der in allen Stücken verleugnet würde, sintemal es nur ein Christus ist, in allen seinen Worten sämptlich und sonderlich.

Zweifellos sind hier Ähnlichkeiten zu dem Zitat oben erkennbar, aber es sind eben nur Ähnlichkeiten.

Schließlich habe ich noch eine kleine Abhandlung von Bob Cadwell zum Thema gefunden (Concordia Journal, Fall 2009, Vol. 35, Nr. 4, S. 356–359). Auch Caldway konnte die originale Quelle nach längerer Recherche nicht finden. Er schreibt:

The existence of the saying (on lips of a character other than Luther) in Elizabeth Charles’ book—and its re-quoting without attribution a few years later— strongly suggests that this may have been the source of the saying. It is easy to sec how this could have been attributed to Luther It came from a book about Luther and his times. It is certainly consistent with other things Luther said. Further it sounds like Luther at his bombastic best. This does not necessarily close the debate. If someone can find the quote in a reputable source, we would all be better served for it. Until that time, however, I think we would do well to treat the quote as spurious and not attribute it to Luther.

Es würde mich freuen, wenn jemand sich auf die Suche macht und an dieser Stelle weiterkommt.

Francis Schaeffer: A Mind and Heart for God

51uvweuE1gL._SL110_.jpgMark P. Ryan schreibt in einer Rezension über das gerade erschienen Buch:

  • Bruce A. Little (Hg.): Francis Schaeffer: A Mind and Heart for God, Phillipsburg: Presbyterian & Reformed, 2010. 132 S., ca. 10 Euro:

For a short book, Francis Schaeffer: A Mind and Heart for God covers a lot of valuable ground. It provides a compelling portrait of schaeffer as churchman, evangelist, deep-thinker, and a most compassionate individual. it offers important vantage points from which to view schaeffer’s ministry, especially his remarkable ability to convey biblical truth to so many whether Christian or not. it shows an awareness of schaeffer’s legacy beyond L’Abri and beyond formal ministries dedicated to apologetics and outreach. And more than simply looking backwards, this volume explores ways in which schaeffer might aid Christians today in holding out the gospel to a lost and decaying culture. Of course, the book’s strength (covering so much so briefly) is also its Achilles heel. Although this compact volume must certainly be considered a vital resource for understanding schaeffer and his legacy, it is not a “stand alone” resource. to understand schaeffer the man, one will still need to read Colin duriez’s biography: Francis Schaeffer: An Authentic Life (Crossway, 2008). similarly, to appreciate Schaeffer’s apologetic, one will need to read Bryan Follis, Truth With Love: The Apologetics of Francis Schaeffer (Crossway, 2006). As is always the case, one will also need to read schaeffer himself! Ultimately, one must judge a volume against its own intended aims and purposes. Far from attempting comprehensiveness, this book and the conference that gave rise to its contents intends to acquaint a generation of evangelicals unfamiliar with schaeffer with his life and ministry while promoting schaeffer’s emphases and approach as a model of cultural engagement that is both relevant and simultaneously faithful to the Christian gospel. weighed in these scales, this short, accessible, and thoroughly enjoyable volume succeeds on both counts. i hope many read this and are aided in developing their own mind and heart for God.

Das Buch kann hier bestellt werden:

Das Ärgernis des Kreuzes

Francis Schaeffer schreibt ist seinem Buch Gott ist keine Illusion (Wuppertal: Brockhaus, 1984, S. S. 112–113):

Ein ernst zu nehmender Kommentar zum Dilemma des Menschen findet sich in Albert Camus’ Die Pest. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges schleppen Ratten diese Seuche nach Oran ein, und bei oberflächlicher Betrachtung könnte man meinen, Camus wolle hier lediglich die Katastrophe schildern, die jeder Stadt zu­stoßen kann. Aber es geht ihm um tiefere Probleme. Er stellt den Leser vor eine schwere Wahl: Entweder muß er dem Arzt zur Seite stehen und die Pest bekämpfen, wobei er — so sagt Camus — gleichzeitig Gott bekämpft; oder er kann sich auf die Seite des Priesters stellen, die Pest nicht bekämpfen und damit unmenschlich sein. Dies ist die Alternative: Vor diesem Dilemma stand Camus und stehen alle, die — wie er — die christliche Ant­wort nicht kennen.
Aber auch die moderne Theologie weist keinen Ausweg aus die­sem Dilemma. Ihre Anhänger landen immer wieder bei Camus’ Problem und Baudelaires Aussage. Wenn sie von ihrer Position aus die Welt betrachten wie sie wirklich ist, muß ihnen ihre Ver­nunft sagen, daß Gott der Teufel ist. Weil sie aber mit dieser Schlußfolgerung nicht leben können, behaupten sie in blindem Glauben, Gott sei gut. Genau das sei — so sagen sie — »das Är­gernis des Kreuzes«: Wider allen äußeren Schein und wider alle Vernunft zu glauben, daß Gott gut ist. Hier müssen wir nach­drücklich widersprechen. Dies ist nicht das »Ärgernis des Kreu­zes«! Das wahre Ärgernis besteht darin, daß man das Evange­lium noch so klar und treu verkündigen kann und die Welt sich doch an einem bestimmten Punkt davon abwenden wird, weil sie sich gegen Gott auflehnt. Die Menschen lehnen das Evangelium nicht deshalb ab, weil es ihnen sinnlos erscheint, sondern weil sie sich nicht vor dem Gott beugen wollen, der wirklich da ist. Das ist das »Ärgernis des Kreuzes«.

Francis Schaeffer in TIME und SPIEGEL

Wer Leben und Werk von Francis und Edith Schaeffer kennenlernen möchte, sollte sich das Buch Wahrheit und Liebe zulegen. Die Dokumentation mit ihren 267 Seiten lädt ein, sich mit dem christlichen Apologeten Francis Schaeffer auseinanderzusetzen und von ihm zu lernen.

Interessant und schneller zu haben sind noch zwei andere Dokumente über das Ehepaar Schaeffer und das Studienzentrum L’Abri.

Am 11. Januar 1960 hat das Nachrichtenmagazin TIME einen Artikel über Pastor Francis Schaeffer publiziert. Der Text kann hier eingesehen werden: http: www.time.com.

Am 16. Mai 1983 hat Peter Brügge für den SPIEGEL einen (ziemlich polemischen) Beitrag über Schaeffer veröffentlicht.

Mit ihr unterm Arm entschlüsselt sich Rev. Schaeffer die Künstler des Abendlandes von Michelangelo bis Antonioni. Zu ihr hin sieht er junge Aussteiger streben in ihrer verzweifelten, auch ihn bewegenden Suche nach Sinn. Er wisse, sagt er, was ihnen fehle: der absolute Maßstab, was gut ist und was böse. Den glaubt er in der Bibel abermals entdeckt zu haben, etwas ausgebleicht von Jahrhunderten abendländischer Skepsis und Ratio. Für Francis A. Schaeffer ist die Schrift wieder Gottes Wort. In fast 1500 auf Tonband abrufbaren Predigten und Vorlesungen, in bislang 22 Büchern, in Filmen und Fernseh-Shows, vor Mächtigen und Schmächtigen, besonders aber vor der studentischen Jugend sendet er in milder Besessenheit aus, was für ihn und Amerika und den Rest der Christenheit daraus folgt: Widerstand gegen die zentrifugale Dynamik der Aufklärung, bevor sie das letzte Quentchen biblischer Orientierung aus allem herausgeschleudert hat. »Die großen glorreichen Freiheiten”, sagt Dr. Schaeffer, »beginnen unsere Gesellschaft in Stücke zu treten.« Es ist sein liebstes Thema, wie eine Infektion des Christenglaubens durch die Verstandeskeime der Antike das alles verursacht habe und wie früh. Seit dem Ausbruch der Renaissance werfe sich der Mensch in prometheischem Do-it-yourself zum Maß aller Dinge auf, und die Folgen davon sehe man ja. In Florenz wurde neben Michelangelos »David« ein Gerüst aufgeschlagen, damit, auf einer Ebene mit ihm, Francis A. Schaeffer Amerika vor einer Filmkamera den hier bereits mustergültig versteinerten Übermut faustdick erklären konnte. Es ist sein Verfahren, ganze Epochen auf ein ihn bestätigendes Bild, ganze Philosophien auf das Format eines Kalenderspruchs zu reduzieren. Dieser David, sagt der Mann mit der Bundhose, sei nicht mehr der David der Schrift, drum sei er auch nicht mal beschnitten. Und was für Hände der habe! Welche übermenschlichen Formate in beinahe jeglicher Hinsicht! »Hier stand der Humanismus”, lehrt Dr. Schaeffer, »in seinem ganzen Stolz.« Dies ist für ihn der herrlichste Beleg der hochfahrenden Illusion, es könne der Mensch, was er nur wolle, auch machen und sich »ganz allein aus der Natur losreißen”.

Der SPIEGEL-Artikel kann hier gelesen und als PDF-Datei herunter geladen werden (links): www.spiegel.de.

Glauben und Denken heute 2/2009 Nr. 4

Die Ausgabe 2/2009 von Glauben und Denken heute ist soeben erschienen. Sie enthält folgende Beiträge:

  • Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher (Editorial): Evangelikale sind Vorkämpfer gegen Sklaverei und Unterdrückung
  • Prof. Dr. Dr. J. W. Montgomery: Der christliche Glaube hat Gründe
  • Francis A. Schaeffer: Das Geheimnis der Kraft und der Freude am Herrn
  • Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher: Der Rassismus und seine Widerlegung
  • Christoph Grötzinger: Neues ITG-Studienzentrum in Linz eröffnet
  • Titus Vogt: Rezension zur elektronischen Ausgabe des Denzinger/Hünermann
  • Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher: Rezension: Der Schutz der Religionsfreiheit im Internationalen Recht von Daniel Ottenberg

Die Aufsätze von John Warwick Montgomery und Francis Schaeffer erscheinen hier erstmalig in deutscher Sprache. Montgomery untersucht die Verlässlichkeit der Dokumente und die Zuverlässigkeit der neutestamentlichen Zeugen in Bezug auf ihre zentralen Erklärungen, nämlich dass Gott in Jesus Christus gesprochen hat und dass die Bibel eine transzendentale Grundlage für die Erkenntnis und die Würde des Menschen bietet. Der Aufsatz »Das Geheimnis der Kraft und der Freude am Herrn« stammt, wenn auch der Titel etwas anderes vermuten lässt, aus dem Jahr 1951, einer Zeit, in der Francis Schaeffer eine schwere geistlichen Krise durchlebte (beschrieben im Vorwort zum Buch Was ist geistliches Leben?).

Die vollständige Ausgabe von Glauben und Denken heute 2/2009 kann hier herunter geladen werden (ca. 5 MB): www.bucer.eu.

Frank Schaeffer kritisiert religiösen und atheistischen Fundamentalismus

Frank Schaeffer spricht bei GRITtv über sein neues Buch Patience with God: Faith for People Who Don’t Like Religion (or Atheism) und die soziologischen Strukturen in den fundamentalistischen Kreisen Amerikas. Wie zu erwarten, greift er dabei seine eigene Familie und die politische Rechte, nicht ganz zu Unrecht, massiv an.

Frank tritt sehr sendungsbewusst auf. Seine Argumente werden dadurch nicht besser. Es dürfte auch einem Kritiker der christlichen oder atheistischen Mission auffallen, dass Frank Proselytismus brandmarkt, selbst aber aggressiv für seine Sicht der Dinge missioniert und jedem erklärt, wer falsch und wer richtig liegt. Ich habe übrigens kein Problem damit, ihm geduldig zuzuhören.

Wer sich fragt: »Was ist mit mit Frank Schaeffer bloß passiert?«, sollte unbedingt dieses Interview mit Os Guinness hören.

Hier aber das Gespräch mit Franky:

25. Todestag von Francis Schaeffer

Freundlicherweise hat mir Justin Taylor erlaubt, die Übersetzung seines Interviews mit Os Guinness auf Deutsch zu veröffentlichen. Peter Burghard hat Hildegund Beimdicke für eine Übersetzung gewinnen können. Ein dickes Dankeschön an alle drei!

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Ein Interview mit Os Guinness anläßlich des 25. Todestages von Francis Schaeffer

Kürzlich konnte ich Os Guinness Fragen stellen, inwieweit sein Leben von Francis Schaeffer geprägt und beeinflusst wurde.

Justin: Wann sind Sie das erste Mal Francis Schaeffer begegnet?

Os: Ich begegnete ihm das erste Mal im Jahre 1965 als Student in London. Durch einen gläubigen Freund und durch das Lesen von Büchern von Dostoevsky, G.K. Chesterton und C.S. Lewis war ich Christ geworden. Fairerweise muss ich sagen, dass es zu jener Zeit in England außergewöhnliche gute Textauslegung und tiefgehende theologische Vorträge zu hören gab. Dennoch fehlte der Anstoß, Christsein zu durchdenken oder es im Kontext der allgemeinen Kultur zu sehen. Man war als Student Teil des »swinging London« und der pulsierenden 60er, aber ich wusste um keinen Christen, der hätte einordnen können, was da wirklich geschah. Schließlich nahm mich ein Freund zu einem Mann in Kniebundhosen mit, so wie es die Schweizer Männer in den Alpen tragen, der mit hoher Stimme eigene Wortschöpfungen wie »Linie der Verzweiflung« in den Raum stellte und dem immer wieder lustige Versprecher und Wortverwechslungen unterliefen. Dennoch, Schaeffer sollte mich erst faszinieren und mich schließlich fesseln. Er war der erste Christ, den ich traf, der mit dem Anliegen und der Gabe ausgerüstet war, Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen und uns unsere, für die meisten Zeitgenossen so verwirrende, turbulente Zeit verständlich zu machen. Zwei Jahre später reiste ich selbst in die Schweizer Alpen. Die ersten drei Wochen dort im Sommer 1967 war ich innerlich so aufgewühlt wie kein anderes Mal in meinem Leben. Danach war ich nie wieder der Alte.

Justin: Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Persönlichkeit?

Os: Später hatte ich das Vorrecht, drei Jahre im Chalet von Francis und Edith Schaeffer zu wohnen und lernte sie so sehr gut kennen. Wenn ich ehrlich bin, dann verehrte ich Edith Schaeffer. Ich in bin der Tat nie so einer außergewöhnlichen Frau begegnet. Mit Francis Schaeffer war das etwas anders, da war ich nicht immer im Konsens. Aber auch ihm verdanke ich unendlich viel und er hat mich massiv geprägt – trotz unterschiedlicher Positionen. Sein Einfluss war dabei keinesfalls allein intellektueller Art. Hier verdanke ich eigentlich mehr meinem Mentor Peter Berger. Auch habe ich nicht viele seiner Bücher gelesen, weil ich die Inhalte bereits vor ihrer Veröffentlichung in seinen Vorlesungen hören konnte und die anschließenden Diskussionen darüber miterlebte. Schaeffer hat mich auf diese Weise weniger durch seine Worte geprägt, aber ich betone oft, dass ich niemand begegnet bin, dem es so leidenschaftlich um Gott wie auch den Menschen ging und der gleichzeitig leidenschaftlich der Wahrheit verpflichtet war. Dies ist eine sehr seltene Kombination und Schaeffer verkörperte sie. Leider wird das oft nicht bedacht und so werden ihm viele seiner gelehrten Kritiker mit ihrem Urteil , wer er eigentlich war, nicht gerecht und von daher ist das Bild, das sein Sohn kürzlich von ihm gezeichnet hat, derart verzerrt und emotional.

Justin: Wir sind alle in der einen oder anderen Form Vorbilder für andere- entweder positiv oder negativ. Welche wichtigen Punkte im Leben von Francis Schaeffer sind nachahmenswert und was kann zu unserer Warnung dienen?

Os: Francis Schaeffers Lieblingsbuch war Geistliches Leben: Was ist das? (R. Brockhaus Verlag, leider vergriffen). Es enthält die Geschichte seiner leidenschaftlichen, ja verzweifelten Suche nach der Realität des Glaubens. Diese Eigenschaft war so großartig bei ihm. Es gab keine Kluft zwischen seinem Gottvertrauen, seinem Gebetsleben, seinem Ringen um Überzeugungen, seinen Vorlesungen, seinen Predigten, seiner Liebe zu den Bergen, seinem Humor, seiner Freude am Schönen etc. Mit all seinen Fehlern, die er auch besaß, war er mit ganzer Seele »Mensch«. Nietzsche pflegte zu sagen: »Alle Wahrheiten sind mir blutige Wahrheiten« und das Gleiche könnte man auch von Schaeffer sagen. In einer Zeit, wo man christliche »Größen« und Bestsellerautoren feiert, die wenig Tiefe zu bieten haben oder gar heuchlerisch sind und viele Christen in Leitungspositionen aus sehr fadenscheinigen Gründen bewundert werden, war Francis Schaeffer im wahrsten Sinne des Wortes authentisch.

Dennoch, obwohl ein brillanter Denker, der analytisch Zusammenhänge deutlich machen konnte und Bedeutungen erkannte, würde ich ihn nicht als Wissenschaftler bezeichnen, da er leider zu viele Fachzeitschriften und zu wenig Bücher las. Aus diesem Grund neigte er vielleicht hier und da zu sehr seinen Schmeichlern das Ohr und folgte zu sehr der Marktschreierei seiner Verleger und anderen.

Das mag dazu geführt haben, dass er am Ende etwas von einer einstigen Demut eingebüßt zu haben schien, da man ihn als den großen Philosophen und Gelehrten darstellte, der er eigentlich nicht war und was ihn angreifbarer werden ließ. Damit meine ich, dass die akademischen Größen und Experten dadurch leichter in der Lage waren, Schwachpunkte bei einigen Ideen Schaeffers zu entlarven.

Justin: Was könnte man bei Schaeffer ihrer Ansicht nach missverstehen?

Os: Um Francis Schaeffers und seinen Ruf ranken heute viele Gerüchte. Was mich am meisten beunruhigt, betrifft seine Apologetik und seine Bedeutung. Viele, die seine Apologetik zitieren, haben eine witzige hölzerne Verstellung, wie er Menschen begegnete, um sie zum Glauben zu führen. Ich warte immer noch auf das Buch, das der Brillanz Rechnung trägt, mit der er das Evangelium nahe bringen konnte.

Was seinen Einfluss angeht, so hatte er gewaltigen Einfluss auf das Leben einzelner Menschen – mich eingeschlossen. Dennoch meine ich, dass seine herausragende Bedeutung und Berufung war, als »Wächter« oder Türöffner, bzw. Pionier zu wirken. Als nahezu keine Evangelikalen über den Bezug von Christentum und Kultur oder allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge aus christlicher Sicht reflektierten, tat Schaeffer nicht nur genau das, nein, er schlug auch eine Bresche, der viele andere folgen konnten. Viele, die heute sehr laut herausposaunen, wo sie kontroverser Meinung mit ihm sind, wurden vor Jahren von ihm persönlich zum differenzierten Denken angestoßen.

Ein kleiner Mann von Gestalt, doch gewaltig im Einfluss und viele sind nur weiter gekommen, weil sie auf seine Schultern steigen konnten. Ich verdanke Francis Schaeffer mehr als ich hier nennen kann. Ja, ich lebe täglich in seiner Schuld.

Das Interview kann hier auch als PDF herunter geladen werden: interview_os_schaeffer.pdf.

Interview mit Os Guinness über Francis Schaeffer

Am 15. Mai 1984 starb Francis Schaeffer in Rochester (U.S.A.) nach schwerer Krankheit.

Justin Taylor hat sich anlässlich seines 25. Todestages mit Os Guinness unterhalten. Guinness, der eine Zeitlang bei Schaeffers wohnte, spürt täglich, dass er Francis viel zu verdanken hat:

A host of misunderstanding swirls around Francis Schaeffer’s reputation today. The two that concern me most are about his apologetics and his significance. Many who cite his apologetic approach have a comically wooden understanding of how he approached people to win them to faith. I have yet to see the book that does justice to the sheer brilliance of his way of presenting the gospel.

As far as his influence, he had a massive impact on the lives of individuals, including me, but his wider significance was as a ‘gatekeeper,’ or a door opener. When almost no Evangelicals were thinking about culture and connecting unconnected dots, Schaeffer not only did it himself but blazed a trail for countless others to follow. Many who trumpet their disagreements with him today owe their very capacity to disagree to his influence a generation ago. A little man in stature, he was a giant in influence, and many who have gone further have done so only by standing on his shoulders. I for one owe far more to Francis Schaeffer than I can ever say, and I live daily in his debt.

Das ganze Interview kann hier gelesen werden: theologica.blogspot.com. Wer sich gern mit dem Leben und Werk von Schaeffer vertraut machen möchte, kann in diesem Blog stöbern oder sich, noch besser, folgendes Buch besorgen:

7b4be78096Zum Buch: Francis August Schaeffer (1912–1984) zählt zu den bedeutendsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts. Durch seine Bücher (z. B. Gott ist keine Illusion, Wie sollen wir denn leben? und Preisgabe der Vernunft), Vorträge und das 1955 gegründete Schweizer Studienzentrum L’Abri (›Zuflucht‹) wurden er und seine Frau Edith weltweit bekannt und halfen unzählbar vielen Menschen, ihren Glauben zu festigen sowie intellektuell verantwortbar und kulturrelevant zu bezeugen. Die so genannten »L’Abri-Fellowships« haben bei der Entwicklung gegenwartsnaher Glaubensstile Pionierarbeit geleistet und gezeigt, dass Christen gesunde reformatorische Lehre mit einer aufrichtigen Liebe für die Menschen verbinden können. Die idea-Dokumentation »Wahrheit und Liebe« lädt ein, sich mit dem Leben und Werk von Francis Schaeffer (erneut) auseinanderzusetzen und von ihm zu lernen. Mit Beiträgen von Dick Keyes, Gordon R. Lewis, Udo W. Middelmann, Wim Rietkerk, Thomas Schirrmacher, Stephen J. Wellum und anderen.

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Die moralische Krise des Westens

mbstexte117.jpgMein Kollege Tom Johnson hat sich Ende der 80er Jahre intensiv mit Helmut Thielicke und Francis Schaeffer beschäftigt. In dieser Zeit entstand eine kleine Studie über die moralische Krise des Westens, die nun als MBS Text 117 veröffentlicht wurde.

Johnson kommt zu dem Ergebnis:

If the analyses of Schaeffer and Thielicke are, in the main, correct, it follows that our culture-wide moral crisis cannot be solved by direct political action alone. Thielicke´s framework would emphasize evangelism and public preaching, for it is through conversion that one is enabled to see Christ in the other. And the preached Word tends to relativize idolatrous worldviews and their effects. Schaeffer´s emphasis on the effects of ideas would emphasize training Christians in a comprehensive biblical worldview and in practicing the truth more consistently. At the same time, it would encourage Christians to challenge secularist worldviews by unveiling their presuppositions, their irrationality, and their incompatibility with normal experience.

Die Arbeit kann hier herunter geladen werden: mbstexte117.pdf.

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