Luther über die Prädestination

Robert Kolb und Carl Trueman schreiben über Luthers Sicht auf die Vorherbestimmung (Between Wittenberg and Geneva: Lutheran and Reformed Theology in Conversation, 2017, S. 95–96, #ad):

Die Vorstellung, dass Gott die vollständige Kontrolle hat, machte nicht nur die Ohnmacht des Menschen deutlich, sondern auch, dass allein Gott aktiv daran wirkt, Sünder aus ihrem rebellischen und verdammten Dasein zu befreien. Jesus Christus steht im Mittelpunkt dieser Wiederherstellung, betonte Luther, doch die Neuschöpfung des Sünders zu einem Kind Gottes beruht auf Gottes Plan, der bereits vor der Erschaffung des Universums festgelegt wurde (Eph 1,4).

„Prädestination“ war in den 1510er-Jahren ein unter scholastischen Theologen diskutierter Begriff. Zwei Merkmale prägten seine Verwendung. Er bezeichnete die gesamte fürsorgliche Sorge Gottes um seine Schöpfung, nicht nur die Gewährung der Gnade der Erlösung. Seine Bedeutung wurde durch scholastische Theologen geschwächt, die, als sie ihn speziell auf die Erlösung anwendeten, seine Definition verwässerten, um ihn mit semi-pelagianischen Wegen zur Gottgefälligkeit in Einklang zu bringen. Hinzu kam, dass Luther zunehmend mit der Not und Verzweiflung von Anhängern konfrontiert war, die befürchteten, nicht zur Erlösung vorherbestimmt zu sein. Selbst in jenen Passagen in „Über den unfreien Willen“, die stark auf eine Lehre von der doppelten Prädestination hindeuten, bemühte sich Luther nicht, von Gottes Verantwortung für die Ablehnung seines Wortes und seiner Herrschaft durch die Sünder zu sprechen. „In diesem Werk, wie auch in anderen, interpretierte er 1. Timotheus 2,4 als eine Bestätigung, dass Christus starb, um für die Sünden aller zu sühnen (auch wenn er in seiner Übersetzung dieser Stelle in seiner deutschen Bibel den Begriff „Errettung“ als Bezug auf zeitliche Segnungen wiedergab). Daher sollte die Verheißung der Vergebung und des neuen Lebens in Christus allen verkündet werden.

Luther argumentierte, dass „wenn die Gnade aus dem Ratschluss oder der Vorherbestimmung Gottes kommt, sie aus Notwendigkeit und nicht durch unser Bemühen oder unsere Anstrengung kommt“. Somit dient diese Lehre als Grundlage für die Verlässlichkeit der Verheißung der Erlösung in Christus. Gottes Verheißung an sein Volk in seinem Wort ist vertrauenswürdig. Luthers Verständnis der Prädestination sollte lediglich die Verkündigung der Gewissheit stärken, die mit Gottes Verheißung einhergeht, die die Gläubigen durch die verschiedenen Formen seines Wortes empfangen. Aus Sorge um geplagte Gewissen, die ihren Kampf gegen die Sündhaftigkeit als Beweis dafür sahen, dass sie nicht auserwählt seien, vermied Luther den Begriff „Prädestination“ weitgehend. Stattdessen verwies er auf die Gewissheit, dass Gott stets treu zu der Verheißung steht, die er ihnen seit ihrer Taufe in den verschiedenen Formen des Evangeliums – schriftlich, mündlich und sakramental – gegeben hatte. Das bedeutete jedoch nicht, dass Luther darauf verzichtete, diese Verheißung und das Werk Christi auf Gottes Plan von vor der Grundlegung der Welt zu gründen. In seinem Galaterbrief-Kommentar von 1535 bezog sich Luther auf Gottes Prädestination des Paulus (1,15) – wobei er dem Apostel die Worte in den Mund legte: „So streitet Paulus gänzlich alle Verdienste ab und teilt Gott allein die Ehre, sich aber lauter Verwirrung zu, wie wenn er sagen wollte: alle Geschenke, die kleinsten und die größten, die geistlichen und die körperlichen, die mir Gott schenken wollte, und alle Guttaten, die ich jemals in meinem ganzen Leben tun würde, hatte Gott schon vorher bestimmt, als ich noch im Mutterleib war, wo ich weder denken, wunschen, noch irgend etwas Gutes tun konnte, sondern ein ungeformter Embryo war. Und darum ist aus lauter vorherbestimmender und erbarmender Gnade Gottes diese Gabe mir zuteil geworden, schon als ich noch nicht geboren war. Dann, als ich geboren war, hat er mich, der mit unendlichen Ungeheuern von Bosheit und Sünde belastet war, getragen“ (etwas ausführlicher zitiert als im engl. Buch aus: Martin Luther, Der Galaterbrief, 1987, S-59). 

Einige von Luthers Anhängern, insbesondere unter den Adligen, so berichtete er, nutzten die Prädestination nicht als Grund zur Verzweiflung, sondern zur Überheblichkeit. Sie argumentierten: „Wenn ich vorherbestimmt bin, werde ich gerettet, ob ich nun Gutes oder Böses tue. Wenn ich nicht vorherbestimmt bin, werde ich ungeachtet meiner Werke verdammt.“ Luther wies solche „scheußlichen Aussagen“ zurück, indem er Gottes Auswahl der Seinen untrennbar mit dem Vertrauen auf Christus und dessen durch sein Wort empfangene Verheißung verband. Gottes unveränderliche Treue zu seiner Verheißung entsprang seiner Treue, die damit begonnen hatte, dass er die Seinen vor der Schöpfung erwählt hatte, gemäß Epheser 1,4, denn er ist der verlässliche Schöpfer und Geber alles Guten (Mal 3,6; Röm 11,29). Im Gespräch mit Studenten und Kollegen bei deren Abendversammlungen setzte Luther seine Hoffnung auf Gottes Erwählung vor der Grundlegung der Welt, eine Tat, von der er erst durch Gottes Offenbarung in Christus und der Heiligen Schrift erfahren hatte.

Die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium bestimmte Luthers Umgang mit dem Begriff der Prädestination oder der gnädigen Erwählung durch Gott. Das bedeutete, dass er eine „gebrochene“ Lehre von der Prädestination vertrat. Den Studenten, die seinen Vorlesungen über die Genesis lauschten, hielt er vor, dass „sicherer Untergang“ droht, wenn man über die Prädestination philosophiert, „wenn wir zu hoch fliegen wollen“. Seine zugrunde liegende Sorge brachte er in einem Brief an einen anonymen Briefpartner zum Ausdruck, der mit persönlichen Zweifeln an der Prädestination rang: „Denke also daran, dass Gott, der Allmächtige, uns nicht geschaffen, vorherbestimmt und erwählt hat, um zu verderben, sondern um gerettet zu werden, wie Paulus den Ephesern bezeugte, und dass er seine Ausführungen nicht mit dem Gesetz oder mit der Vernunft beginnen musste, sondern mit der Gnade Gottes und dem Evangelium, das allen Menschen verkündet wird.“

Wenn das Herz die Wahrheit unterdrückt

Paul S. Jeon argumentiert in seinem Aufsatz „The Heart Knows but Will Not Yield: Affective Suppression and the Noetic Effects of Sin in Romans 1:32“ dafür, dass Römer 1,32 einen entscheidenden Ansatzpunkt für das Verständnis der affektiven Dimensionen der noetischen Auswirkungen der Sünde in der paulinischen Theologie bietet. Anstatt den Unglauben als bloßes Versagen des Wissens darzustellen, präsentiert Paulus ihn als moralisch schuldhaften Widerstand gegen eine Wahrheit, die bereits intuitiv erfasst wurde. In Anlehnung an N. Gray Sutantos Wiederbelebung des affektiven Modells der allgemeinen Offenbarung interpretiert er den sensus divinitatis neu als ein dispositionelles Bewusstsein, das in der Abhängigkeit verwurzelt ist und durch affektive Reaktionen geprägt wird. Die Analyse von Römer 1,32 – insbesondere die Verwendung der Begriffe ἐπιγνόντες und συνευδοκοῦσιν – zeigt, dass es Paulus nicht um Unwissenheit geht, sondern um eine vorsätzliche Unterdrückung, die durch Angst, Scham und ungeordnetes Verlangen motiviert ist. Diese Neuauslegung stellt die vorherrschenden rationalistischen Interpretationen der noetischen Auswirkungen der Sünde in Frage und steht im Einklang mit der breiteren reformierten Tradition. 

Fazit: 

Römer 1,32 bietet einen tiefgründigen und oft übersehenen Einblick in die theologische Anthropologie des Paulus und sein Verständnis der menschlichen Schuld. Weit davon entfernt, Unwissenheit als Wurzel des Unglaubens darzustellen, schildert Paulus eine Menschheit, die über ein unbestreitbares Wissen um Gottes gerechtes Urteil verfügt, sich jedoch beharrlich in Rebellion ergeht und sogar eine perverse Solidarität darin findet, Ungerechtigkeit zu billigen. Diese zutiefst moralische und affektive Haltung lässt sich am besten nicht allein durch kognitives Versagen erklären, sondern durch eine vorsätzliche und emotional aufgeladene Unterdrückung der göttlichen Wahrheit. Unterdrückung ist aus dieser Sicht nicht das bloße Fehlen von Wissen, sondern dessen aktive Ablehnung; sie ist kein Mangel an Beweisen, sondern eine instinktive Abneigung gegen deren unbequeme Implikationen und Forderungen nach Unterwerfung.

Durch die Verbindung von Sutantos affektivem Modell der allgemeinen Offenbarung mit einer genauen exegetischen Lektüre von Römer 1 hat dieser Artikel versucht, eine Darstellung der noetischen Auswirkungen der Sünde wiederzugewinnen, die sowohl biblisch fundiert als auch theologisch reichhaltig ist. Anstatt die Auswirkungen der Sünde ausschließlich in gestörten intellektuellen Fähigkeiten zu verorten, hebt dieses Modell die gestörten Regungen hervor – wie die Furcht vor dem Gericht, allgegenwärtige Schuldgefühle, rebellischer Stolz und ein übergreifendes Verlangen nach Autonomie –, die das menschliche Herz dazu bringen, sich der Wahrheit zu widersetzen, die es von Natur aus bereits kennt. Sutantos Wiederentdeckung des sensus divinitatis als eines tiefen, intuitiven Gefühls der Abhängigkeit – und nicht als einer distanzierten rationalen Fähigkeit – verdeutlicht genau, wie Paulus angesichts der klaren Offenbarung Gottes so zuversichtlich über die menschliche Schuld sprechen kann. Dieser affektive Widerstand ist es, der die Menschheit ohne Entschuldigung macht.

Weitere Forschungen könnten fruchtbar untersuchen, wie dieses affektive Modell die innere Spannung beleuchtet, die an anderer Stelle bei Paulus beschrieben wird, insbesondere in Römer 7. Paulus’ eindringliche Schilderung des gespaltenen Selbst – „Ich tue nicht, was ich will, sondern gerade das, was ich hasse“ (7,15) – offenbart ein Herz, das zwischen moralischer Erkenntnis und tiefgreifendem Willensversagen gefangen ist. Dieser Kampf ist nicht bloß kognitiver Natur; er steht in tiefem Einklang mit der affektiven Unterdrückung, die in Römer 1 beschrieben wird. Das „Ich“ aus Römer 7 kennt das Gute und sehnt es sich auf einer gewissen Ebene sogar herbei, wird jedoch gleichzeitig von der inneren Anziehungskraft der Sünde überwältigt – eine Dynamik, die die Darstellung der Unterdrückung im affektiven Modell als komplexen Konflikt von Liebe und Begierden, und nicht bloß als Versagen der Logik, zutiefst widerspiegelt. Die Betrachtung dieser zentralen Passage durch die Linse des affektiven Modells kann unser Verständnis der noetischen Auswirkungen der Sünde vertiefen und in der Tat auch das universelle menschliche Schicksal, den Gott zu kennen, der sich fortwährend offenbart, und ihm dennoch auf tragische Weise Widerstand zu leisten.

Diese Neuausrichtung des Unglaubens hat weitreichende Auswirkungen auf die christliche Theologie und Praxis. Für die Apologetik verlagert sie den Schwerpunkt weg vom bloßen Beweisen dessen, was konzeptionell unbekannt ist, hin zum mitfühlenden Wecken dessen, was im menschlichen Herzen aktiv unterdrückt wurde. Für die Seelsorge dient sie als wichtige Erinnerung für Seelsorger daran, dass der Widerstand gegen Gott oft nicht in erster Linie aus intellektueller Verwirrung oder Zweifel herrührt, sondern aus tief verwurzelten Ängsten, Scham und ungeordneten Neigungen, die eine behutsame und doch entschlossene Auseinandersetzung erfordern. Und für die Predigt bekräftigt sie die entscheidende Aufgabe, den Verstand nicht bloß mit Aussagen zu informieren, sondern das Herz tiefgreifend zu entblößen, seine falschen Loyalitäten in Frage zu stellen und wahre Anbetung hervorzurufen, wo aktive Unterdrückung längst Wurzeln geschlagen hat. In jedem dieser entscheidenden Bereiche des Dienstes muss das herrliche Evangelium der Gnade zentral und unverhandelbar bleiben, denn nur göttliche Gnade kann die Tiefen menschlicher Unterdrückung entlarven, ohne die Seele gänzlich zu zermalmen, und bietet nicht Verdammnis, sondern die Möglichkeit von Heilung und Versöhnung.

Letztendlich drängt die kraftvolle Aussage des Paulus in Römer 1,32 – dass Sünder Gottes gerechtes Urteil „kennen“ und dennoch bewusst die Ungerechtigkeit „billigen“ – die Kirche dazu, sich der Welt nicht in erster Linie als Verkünderin brandneuer, noch nie gehörter Informationen zu stellen. Stattdessen ist die Kirche dazu berufen, eine lange unterdrückte, zutiefst unbequeme Wahrheit zu verkünden: die Wahrheit, dass Gott tatsächlich von allen erkannt wird, dass seine Herrlichkeit auf tragische Weise gegen Götzen eingetauscht wurde und dass nur im verwandelnden Antlitz Jesu Christi, dem man durch die Kraft des Evangeliums begegnet, tiefsitzende Unterdrückung endlich Platz machen kann für rettende Einsicht, authentische Erkenntnis und wahre Anbetung.

Mehr ist in der lesenswerten Ausgabe 51.2 der Zeitschrift THEMELIOS zu finden: www.thegospelcoalition.org.

Pre-Black Friday Sale bei Logos

 

Logos verkauft (nur) in dieser Woche Bände aus der New International Commentary-Reihe (NIC) für rund 18 US-Dollar. Das ist ein enormer Rabatt, wenn man bedenkt, dass so ein Band sonst gut 70 US-Dollar kosten kann.

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Zum Akkreditierungsentzug der STH

Der STH in Basel (Schweiz) wird die staatliche Anerkennung unter anderem deshalb entzogen, weil sie nur männliche Professoren hat – und weil der „Diversitätsbegriff“ der Hochschule zu eng sei.

Die FAZ berichtet: 

In der Schweiz, wo sich das akademische Geschlechterverhältnis auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland bewegt, versuchte man jetzt etwas nachzuhelfen. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, verlor die in Basel ansässige „Staatsunabhängige Theologische Hochschule“ (STH) ihre staatliche Anerkennung unter anderem deshalb, weil sie zu wenig weibliches Führungspersonal hat. Alle fünf Professuren der Privathochschule sind mit Männern besetzt. Der Akkreditierungsrat wertete dies als Verstoß gegen das Gleichstellungsprinzip.

…

Außerdem rügen die Gutachter den zu engen, nur auf Mann und Frau begrenzten Diversitätsbegriff der STH. Soll die Hochschule akademische Stellen demnach nicht nur bevorzugt an Frauen, sondern auch bevorzugt an andere unterrepräsentierte Gruppen vergeben, und wenn ja, in welcher Gewichtung? Bezieht sich Diversität nur auf äußere Merkmale oder auch auf die intellektuelle Vielfalt oder soziale Herkunft? Und wie kann das mit dem Leistungsprinzip in Einklang gebracht werden an einer kleinen Hochschule, die nur wenige Professuren zu besetzen hat? Das Gutachten gibt darauf nur die nebulöse Antwort, der interdisziplinäre Diversitätsdiskurs sei „noch nicht aufgenommen, reflektiert und mit strategischen Zielen einbezogen“ worden.

Mehr: www.faz.net.

Jay Adams und die Antithese in der biblischen Seelsorge

Jared Poulton hat den Seelsorgeansatz von Jay Adams daraufhin untersucht, ob er die von Cornelius Van Til betonte „Antithese“ akkurat aufgenommen hat. Und er ist zu dem Ergebnis gelangt, dass Adams die Antithese leider nicht im Sinne von Bavinck oder Van Til interpretiert, was zu einem falschen Verständnis des „sola scriptura“ in der biblischen Seelsorge geführt hat.

Er schreibt (Van Tils’s Counseling Movement (2026, S. 215–216, #ad):

Die Antithese ist ein zentrales Element von Adams’ Beratungssystem. Jay Adams passte dieses Van-Tilianische Konzept an den Beratungskontext an und argumentierte, dass säkulare Beratungssysteme in ihrem Kern die menschliche Autonomie im Gegensatz zu Gott hochhalten. Die Antithese ermöglicht es Jay Adams, den kosmischen Konflikt hervorzuheben, der sich in der Welt zwischen dem Rat Gottes und dem satanischen Rat entfaltet. Aufgrund der Anfälligkeit christlicher Seelsorge für satanische Unterwanderung kommt Adams zu dem Schluss, dass Christen nur dann sicher sind, wenn sie ihren gesamten Rat aus der Heiligen Schrift ableiten.

Dennoch begeht Adams einen entscheidenden Fehler, indem er Van Tils Verständnis der Antithese falsch interpretiert. Er übersieht Van Tils wesentliche ethische Einschränkungen hinsichtlich dieses Prinzips der Feindseligkeit im Herzen des gefallenen Menschen. Der niederländische Apologet beschreibt die Antithese zwar als absolut, stellt jedoch klar, dass sie ethischer Natur ist und grundsätzlich nur aufgrund der ethischen Einschränkungen der metaphysischen Verfassung des Menschen und des mäßigenden Wirkens der allgemeinen Gnade zum Tragen kommt. Aufgrund der Antithese zögern viele biblische Seelsorger, Nichtchristen positive Beiträge in Bezug auf Wissen, Moral oder Ratschläge zuzuschreiben. Da Nichtchristen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden und Empfänger der allgemeinen Gnade sind, verfügen sie jedoch möglicherweise über relatives moralisches Wissen und relative Güte, die mit dem in der Heiligen Schrift enthaltenen Wahrheitssystem im Einklang stehen, was es unmöglich macht, dass christliche und nichtchristliche Seelsorgesysteme einander absolut entgegengesetzt sind.

Eine Analyse von Adams’ Verständnis der Antithese offenbart verschiedene Implikationen für die moderne Bewegung der biblischen Seelsorge. Bis vor relativ kurzer Zeit fand Adams’ nouthetischer Seelsorgeansatz außerhalb fundamentalistischer Kreise kaum Beachtung. Die biblische Seelsorge dringt in neue kirchliche Zielgruppen vor, und Adams’ Darstellung der Antithese verliert ihre Bedeutung als Kennzeichen für den Unterschied zwischen biblischer und nichtchristlicher Seelsorge. Es wird wichtig sein zu beobachten, ob die Bewegung der biblischen Seelsorge weiterhin an Adams’ radikaler Antithese zwischen nichtchristlicher Seelsorge und aus der Schrift abgeleiteter Seelsorge festhält, ob sie Van Tils notwendige ethische Voraussetzungen anwenden wird oder ob sie die Antithese sogar von ihrer zentralen Rolle innerhalb des Systems der biblischen Seelsorge entthronen wird.

Gottes Antwort auf die Erscheinung des Bösen

Der Schriftsteller Willy Kramp hat einmal einen Amtsrichter besucht, der einer Okkultistengesellschaft vorstand. Kramp hat diese Erfahrung anschließend in einem Essay verarbeitet, welches den Titel „Vom Wesen der Offenbarung“ trägt (Von der Gleichzeitigkeit ds Lebendigen, 1956, S. 36–37). Er schließt seinen Text mit folgenden wunderbaren Worten:

Aber dennoch antwortet Gott auf die Erscheinung des Bösen. Und zwar durch Offenbarung: Er wird Mensch, nimmt Tod und Schuld auf sich, bricht zusammen unter Haß und Finsternis. Dem Rätsel des Bösen stellt er das Geheimnis seiner Liebe gegenüber. Damit „löst“ er uns jenes Rätsel zwar nicht; aber er erlöst uns von seiner Gewalt.

Dieses Mysterium wird ohne Vorhang gespielt. Die Erde in ihrer armen, plumpen Sichtbarkeit gibt die Bühne her für das erhabene Spiel der Menschwerdung und des Opfers Gottes. Jener „äußerste Zipfel“ der Wirklichkeit, dem mein Magier so gar keine Beachtung mehr schenkte, wird für wert gehalten, dem Ewigen Wort Fleisch und Blut zu leihen. Wie sollten wir nun noch die Leiblichkeit verachten dürfen, die unser Teil ist? Wie sollten wir dieser uns zugemessenen Welt entfliehen wollen, um Gott zu erkennen?

Wer da meint, er müsse sich einer „höheren“ Welt zuwenden, weil die irdische Sichtbarkeit wesenlos sei, der wird in Wahrheit beides verlieren: die Erde und den Himmel. Immer mehr wird er Luzifer ähnlich werden, dem schönen Leiblosen, der alles weiß und nichts glaubt; der nur Erkenntnis, aber kein Sein hat. Wer sich jedoch den Offenbarungen untertan macht, die Gott uns Menschen zubestimmt hat, der wird dem Herrn zwar nicht seine Geheimnisse entreißen; aber er wird, schauend und glaubend, ein Sein gewinnen, das sich aus der Kraft und Wahrheit Gottes nährt. Und er wird übers dies erfahren, daß diese unsere Welt auch in ihrer Gefallenheit noch die Züge dessen trägt, den sie geheimnisvoll verhüllt.

VD: BK

Vom Gebet

Martin Luther (Großer Katechismus, 1996, S. 110–111):

Denn das sollen sie wissen, dass unser ganzer Schutz und Schirm allein im Gebet besteht. Denn wir sind viel zu schwach gegenüber dem Teufel, der sich mit seiner Macht und seinem Anhang uns entgegenstellt; sie könnten uns wohl mit ihren Füßen zertreten. Darum müssen wir wachsam sein und zu den Waffen greifen, mit denen die Christen gerüstet sein sollen, um gegen den Teufel zu bestehen. Denn was meinst du, woran es gelegen hat, dass wir die Ratschläge und Pläne, den Mord und Aufruhr unserer Feinde haben abwehren und dämpfen können, mit denen der Teufel versucht hat, uns und das Evangelium zu unterdrücken? Es waren die Gebete etlicher frommer Leute, die wie eine eiserne Mauer auf unserer Seite dazwischengekommen sind und uns geschützt haben. Sie hätten sonst etwas ganz anderes erleben können, nämlich wie der Teufel ganz Deutschland in seinem eigenen Blut ins Verderben gebracht hätte. Sie mögen jetzt nur getrost darüber lachen und spotten, wir jedoch wollen sowohl unsern Feinden als auch dem Teufel gegenüber Manns genug sein – allein mit der Kraft des Gebetes, wenn wir nur fleißig beten und im Gebet nicht nachlässig werden. Denn wo immer ein frommer Christ betet: „Lieber Vater, lass doch deinen Willen geschehen“, spricht Gott droben: „Ja, liebes Kind, es soll gewiss sein und geschehen, dem Teufel und aller Welt zu Trotz.“

Das gewöhnliche Leben als Christ

Andreas Reckwitz hat in Die Gesellschaft der Singularitäten (2019, #ad, vgl. hier) gezeigt, dass es in unserer Kultur eine große Sehnsucht nach dem Einzigartigen gibt. Das Durchschnittsleben steht unter Banalitätsverdacht. 

Das färbt auch auf das Verständnis der Jesusnachfolge ab, in dem viele Christen auf der Suche nach dem Besonderen sind. Erfrischend klingen da die Worte von Kevin DeYoung, mit denen er ein Loblied auf das gewöhnliche Leben singt (Christsein schafft eh keiner, Verbum Medien, 2026, S. 130–132, #ad): 

Das Familienleben hat mich vieles gelehrt. Mit einer lebhaften und fröhlichen Frau verheiratet zu sein, die in den meisten Fällen wundervoll entspannt reagiert, hat mir gezeigt, dass es sehr viele verschiedene Wege gibt, ein reifer und liebevoller Christ zu sein. Es gibt wenige Menschen, die so lieb und fürsorglich sind wie meine Frau. In jeder Gemeinde, in der wir Mitglieder waren, wurde sie geliebt und bewundert und als sehr entspannt wahrgenommen. Auch unsere vielen Kinder haben mir gezeigt, dass viele unserer Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale schon von Geburt an vorhanden sind. Das Vatersein hat mich auch gezwungen, mich an das Alltägliche eines Lebens mit Kindern zu gewöhnen, die gebadet und gefüttert werden müssen, die Hilfe bei den Hausaufgaben benötigen und zum Schwimmunterricht gefahren werden müssen, die neue Schuhe und Kleider brauchen und dann noch mehr Essen.

Das gewöhnliche Leben ist gleichzeitig auch etwas Außergewöhnliches. Wir erweisen der Gemeinde keinen Dienst, wenn wir Menschen glauben lassen, dass zu heiraten, Kinder zu bekommen, verheiratet zu bleiben, Kinder in die Gemeinde zu bringen, ihnen den Glauben zu lehren, Schuhe zu kaufen und sie zu mutigen und liebevollen Christen zu erziehen etwas anderes als radikale Nachfolge ist. Wenn auch wir „Fremdlinge“ sind (vgl. 1 Petr 1,1), dann ist Jeremias Anweisung an die Juden in Babylon auch für uns relevant: Werdet ansässig, gründet Familien und sucht das Beste der Stadt, in der ihr euch vorübergehend befindet (vgl. Jer 29,4–7). Wenn wir Jesus nachfolgen, indem wir andere lieben, unsere Kinder (ob leiblich oder im Glauben) erziehen, uns in einer guten Gemeinde einbringen und mit anderen unseren Glauben und unseren Besitz teilen, dann tun wir ganz sicher etwas.

Permanente Geschlechtsmarkierung

Gendersterne und andere „gerechte“ Sonderzeichen widersprechen den amtlichen Rechtschreibregeln. Dennoch machen sie sich schon im Unterricht für Grundschüler breit. Gerald Ehegartner schreibt: 

Gendern steht auch in einem Spannungsverhältnis zum sprachlichen Ökonomieprinzip. Untersuchungen zeigen, dass Sprachen Informationen trotz großer struktureller Unterschiede mit einer erstaunlich ähnlichen Rate von durchschnittlich rund 39 Bit pro Sekunde übertragen. Wird für eine vergleichbare Information mehr sprachliches Material benötigt, zum Beispiel mit der Paarform „Schülerinnen und Schüler“ oder mit „Schüler:innen“ statt „Schüler“, so verlängert sich tendenziell die Übertragungsdauer.

Sprache unterliegt einem natürlichen Ökonomisierungsdruck: Was häufig gebraucht wird, tendiert zu Verkürzung und Vereinfachung – nicht zu zusätzlicher Komplexität.

Gendern wirkt diesem Prinzip entgegen: Es erweitert oder markiert Personenbezeichnungen zusätzlich und unterbricht in der gesprochenen Form bei Sonderzeichen den Redefluss durch einen Glottisschlag. Zugleich markiert die Gendersprache permanent das Geschlecht – auch wenn dieses völlig unerheblich ist. Das gilt ebenso für die Paarform. Gendern sexualisiert damit die deutsche Sprache – nicht im Sinne einer Erotisierung, sondern einer permanenten Kategorisierung nach Geschlecht.

Dabei verlieren Tausende grammatisch maskuline Oberbegriffe wie „Bürger“ oder „Schüler“ ihre geschlechtsneutrale Funktion. Oberbegriffe sind für das abstrakte und schnelle Verarbeiten von Informationen jedoch unerlässlich.

Damit stellt sich die Frage, ob der Verlust einer universellen, generischen Ebene unsere Fähigkeit schwächt, sprachlich vom Besonderen zu abstrahieren und das Allgemeine zu denken. Der erzwungene Einschub der Geschlechterklasse fragmentiert jedenfalls die sprachliche Repräsentanz des Universalen – das generische, also geschlechtsneutrale Maskulinum muss einer permanenten Geschlechtsmarkierung weichen.

Mehr: www.welt.de.

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